JARMUSCHEK + PARTNER

HELENA HAFEMANN TEXTE

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HELENA HAFEMANN

TEXTE (AUSWAHL)

Ausstellung Birds of Prey
Jarmuschek + Partner | 21. März – 13. Mai 2026

Mit Birds of Prey präsentiert Jarmuschek + Partner die zweite Einzelausstellung der Künstlerin Helena Hafemann in der Galerie.
Indem sie Gegenstände unserer alltäglichen Welt künstlerisch verändert, repariert oder transformiert, überrascht Helena Hafemann die Betrachter:innen ihrer Werke stets aufs Neue. Unkonventionell und unverstellt begegnet sie jenen Dingen, die bisher einen festen Platz hatten, die Nutzwelten eindeutig zugeordnet waren oder Traditionen unterlagen. Mit viel Sinn für Symbolhaftigkeit, Hintergründiges und grundlegende Gesellschaftsfragen zeigt sie auf, was jenseits dieser Selbstverständlich- keiten denkbar ist und ermöglicht einen unerwarteten Perspektivwechsel.

Helena Hafemanns vielleicht wichtigste künstlerische Ingredienz verbindet alle Arbeiten und ist zugleich physisch unsichtbar: die Zeit. Nicht beeinflussbar, ist sie dennoch einzufangen; als Erinnerungen oder Spuren von Veränderung. Zahlreiche Zeitkapseln hat die Künstlerin im Laufe der letzten Jahre mühevoll und ausdauernd gehäkelt. Schon die erste der rot-weißen Pillen aus Schrubschwamm-Wolle war nicht nur, aber auch eine Sichtbarmachung der von ihr investierten Lebenszeit. Die gigantische Version, die nun erstmals in der Galerie Jarmuschek + Partner zu sehen ist, hat ihrer Größe entsprechend eine längere Entwicklungsphase hinter sich – und das nicht nur in Hinblick auf ihren Entstehungsprozess. Die Kapsel schüttelt sich, sie bockt wie ein wild gewordener Bulle, als wolle sie sich eines lästigen Reiters entledigen. Und an der roten Pille haftet viel mehr als nur Zeit: Seit der Jahrtausendwende wird sie immer wieder als Sinnbild für vermeintliche Wahrheiten verwendet. Im initialzündenden Kinofilm Matrix (1999) entscheidet sich die Hauptfigur für das Schlucken der roten Pille und erlangt damit Erkenntnis über die wahre, höchst dystopische Welt, im Angesicht von Schmerz, Verlust und Kampf. In unserer Welt wurde die rote Pille seitdem zum Symbol einer Bewegung. Über Blogs, Foren und soziale Medien entwickelte sich die Mannospäre, eine Subkultur, in der Frauenfeindlichkeit, Verschwörungserzählungen und Selbstoptimierungsideale miteinander verschmelzen. Nicht zufällig scheint Helena Hafemanns Rodeo all diese Zuschreibungen auf einer Maschine abzuschütteln, auf der für gewöhnlich ein Cowboy einen Bullen zähmen will. Die Pille macht es dem Patriarchat nicht einfach. Gleichzeitig scheinen all die zugeschriebenen Erinnerungen, Wahrheiten und Symbolhaftigkeiten in ihr wie in einem Cocktailshaker vermischt zu werden. Auch das mag als Sinnbild für den medialen Status quo und eine Zeit voller Fake News und Timelines taugen.

Schnelle Besserungen verspricht Helena Hafemanns wildgewordene Häkelpille nicht, jedoch besitzt die Künstlerin auch beim Verarzten eine gewisse Expertise: Nachdem sie in Werk-Serien wie Fadenschein und Hunter and Game bereits zahlreiche zersprungene Zierteller mit langen Garnfäden geflickt hat, wendet sie sich jetzt einem zerbrochenen Waschbecken zu. Wo vorher Wasser floss, bezeugt nun eine Patina aus Staub und Schmutz, wie lange dieser Zustand der Zerstörung bereits anhält. Helena Hafemann schafft für ihr Publikum keine Illusion, wischt nichts weg und lässt die Versehrtheiten sichtbar. Mit den abstrakt weißen, fließenden Fadenverbindungen zwischen den Einzelteilen vermag sie dennoch, eine Anmutung des Verheilens und Verwachsens zu erzeugen – melancholisch und zugleich tröstlich.

Während viele der von Helena Hafemann verarbeiteten Keramikscherben durch bloße Schwerkraft entstanden sein dürften, befasst sich die Künstlerin in anderen Werken mit den Spuren von Gewalteinwirkungen: Alte Zielscheiben von Schießübungen präsentierte sie bereits 2022 mit sorgfältig vernähten, vernarbten Einschusslöchern. Auch in den Arbeiten ihrer neuesten Serie Kollateral werden Ausdrücke von Brutalität und Fragilität in Form und Material, kraftvolle Bilder des Lebens und des Todes, untrennbar miteinander verwoben: Aus den Schalen verschieden- farbiger Bio-Eier hat die Künstlerin mit Hilfe von Gipsmodellen eine Reihe von Handgranaten gebaut. Sie vermitteln eine Drohung und eine Vorahnung der absurd-gleichzeitigen Zerstörung der Objekte selbst ebenso wie des sie betrachtenden Umfelds. Jedes Eierschal-Fragment ist in seiner Form präzise und akribisch auf das nächste Granaten-Segment abgestimmt. Auch hierin ruht viel Zeit. Und vielleicht ein bisschen Hoffnung, dass der Zünder doch nicht gezogen wird. [iw]

Helena Hafemann ist 1997 in Wiesbaden geboren und studierte bis 2023 Freie Kunst an der Kunsthochschule Mainz sowie Kunstgeschichte und Ethnologie an der JGU Mainz. Ihre Arbeiten wurden u.a. im Nassauischen Kunstverein, beim International Festival of Ephermeral Art im polnischen Sokolowsko sowie während der Venedig Biennale in der Ausstellung Let them weave im Studio Cannaregio präsentiert. 2020 zeigte sie ihre Werke in ihrer ersten Einzelausstellung im Kunstraum Wiesbaden, es folgten Präsentationen in den Opelvillen Rüsselsheim (solo), im Ausstellungshaus Spoerri in Wien, im Amtsalon Berlin (solo), im Neuen Kunstverein Gießen (solo) und in der Kunsthalle Mainz sowie in zahlreichen weiteren Ausstellungen und Messen in Europa, New York, Toronto und und Sydney. Erst kürzlich wurden drei Werke von Helena Hafemann durch die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages angekauft.

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Ausstellungstext TIME GOES BY
Jarmuschek + Partner | 10. Dezember 2022 – 4. Februar 2023

Ob Einkaufstüten, Obstreste, alte Schuhe oder Kochutensilien –Helena Hafemann findet in unserer konsumorientierten Gesellschaft unzählige Dinge, die uns nützlich sind und doch wenig bedeuten. Wegwerfartikel, Ausrangiertes und zum Ignoriertwerden Verdammtes rückt sie durch akribische handarbeitliche Eingriffe nachdrücklich in unser Blickfeld. Eine ganze Reihe von verzierten Porzellantellerfragmenten „spinnt“ sie mit einer Vielzahl von Fäden zu spannungsgeladen abstrahierten Bildern zusammen. Fast wirkt es, als ergieße sich die Farbe aus dem Geschirrnarrativ und als werde gleichzeitig visuell nachvollzogen, wie sich die Tellerfragmente voneinander entfernen – der Kondensstreifen eines vermeintlichen Falls. Ein gutes Dutzend Rollen Küchenkrepp hat die Künstlerin mit roten Mustern bestickt und damit eine fragile, wand- und raumfüllende Installation geschaffen. Auch Reisverschlüsse nutzt sie immer wieder, um ihre Fundstücke an Stellen zusammenzunähen, an denen sie die eigentliche Funktion besonders stören.
Unterschwellig an den Refrain eines Madonna-Songs erinnernd, zelebriert Helena Hafemann mit dem Ausstellungstitel „Time goes by“ erneut den für ihre Arbeit charakteristischen zeitintensiven Bearbeitungsprozess. Im Zentrum des Galerieraums präsentiert sie die variable, performative Installation Von_Zeit_zu_Zeit: Um einen grauen Kinderstuhl herum tummeln sich zahlreiche puschelige, weiß-rote Objekte, die aufgrund ihrer Form und Zweifarbigkeit an Pillen erinnern. Diese aus Schrubb-Schwamm-Wolle gehäkelten, überdimensionierten Kapseln verschiedener Größe wirken einerseits auf skurrile, fast parasitäre Art lebendig, setzen mit ihrer haptisch reizvollen Oberfläche bei den Betrachtenden aber andererseits einen fröhlichen Design-Impuls, sie anzufassen, mit ihnen zu spielen oder gar in ihnen zu baden. Währenddessen vermag die Arbeit „Weder Märklin noch Fleischmann“ ganz ohne Fuhrpark in die Welt der Modelleisenbahnen zu entführen. Eine großflächig an die Galeriewände angebrachte Raum- zeichnung aus ausrangierten Schienenteilen lässt das Auge wandern und das Ohr – trotz des nicht zu leugnenden Schwerkraftproblems im Falle einer Befahrung – fast schon die Geräusche von Spielzeugdampfloks hören. Für ihre neueste Werkreihe „The mapping project“ hat Helena Hafemann eine große Anzahl benutzter Zielscheiben aus Papier gesammelt und mit Garn gestopft. Bildverletzungen und Zeugnisse der Zerstörung werden hier einem Heilungsverfahren unterzogen und zugleich Teil eines nachhaltigen Veränderungsprozesses, der mit dem Dasein als Kunstwerk endet. Je nach Größe und Menge der Einschusslöcher erscheinen die reparierten Bereiche wie Punkte, Inseln oder ganze Kontinente auf einer rätselhaften Landkarte.
Im Rahmen dieses künstlerischen Upcyclings führt Helena Hafemann die bisherige Bestimmung der Gegenstände ad absurdum und uns so deren Bildhaftigkeit, Materialität und formale Beschaffenheit intensiv vor Augen. [iw]

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