Elmar Haardt

Berliner Zeitung, Nr. 22, 26.01.2012

Ein Lastwagen am Rande der Zivilisation

Von Julia Gross

Elmar Haardt mit „Topografien der Durchfahrt“ in der Galerie Jarmuschek+Partner

Ein gelber Lastwagen steht vor blassgrünen Hügeln auf einer weiten, betonierten Fläche, ein paar Häuschen säumen eine schmale, lange Straße vor einem Tannenwäldchen, ein Parkplatz ist schneebedeckt und der Himmel so hell, dass man kaum ausmachen kann, wo oben und unten ist.

In solchen Fotografien zeigt der Fotokünstler Elmar Haardt weite, aber doch karge Landschaften, die einerseits von Menschenhand gestaltet, andererseits von Menschen gänzlich unbewohnt sind. Es sind Momente, die endlos wirken wie der lange, leer gefegte Interstate mitten in den USA oder die Überreste einer Tankstelle am Rande der Autobahn bei München.

„Topografien der Durchfahrt II“ ist die zweite Einzelausstellung von Elmar Haardt und passt hervorragend in die weite Halle der Galerie Jarmuschek+Partner. Mit 17 ausgewählten Werken aus den Serien „Bondeno“ (aufgenommen in Italien) und „Manchmal kann man die Berge sehen“ (München) und den neuesten Arbeiten, die in den USA entstanden sind, ist die Ausstellung recht klein, die Wirkung der einzelnen Aufnahmen jedoch groß. Ruhe, Einsamkeit, auch Beklemmung strahlen die Bilder aus, die allesamt in blassen Farben gehalten sind. Auf kaum einem Foto ist der Himmel richtig blau. Grau dominiert und Brauntöne vor allem auf den Fotografien aus den USA. Die Impressionen aus Bayern, Italien und den USA weisen keine bezeichnenden lokalen Charakteristika auf, sie unterscheiden sich zwar in Weite und Tiefe, was besonders im Kontrast zwischen den Münchner Arbeiten und den Bildern aus den USA deutlich wird. Ihnen gemein ist ein Gefühl von übergreifender Ortlosigkeit und menschlich erzeugte Leere. Einzig ein Bild vermittelt auf den ersten Blick etwas Lebhaftes – es ist der Blick auf eine kleinere Stadt. Erst bei näherem Hinsehen fällt der gänzlich leere Parkplatz eines Motels auf, und auch in den Straßen ist kein einziger Mensch zu sehen.

Elmar Haardt möchte mit seinen Fotografien nicht nur dokumentieren, das bloße Abbilden einer Landschaft reicht ihm nicht. Viel mehr stellt er sich dem Anspruch, anhand der abgebildeten Landschaften gesellschaftliche Situationen zu konstatieren. Er lässt den Betrachter allein mit den von Menschen verursachten, dann sich selbst überlassenen Zuständen. Die Fotografien sind beides – beeindruckend schön, aber in ihrer Leere und Seelenlosigkeit auch unheimlich.

 

Zeit Magazin online/Reisen/ 12.01.2012

Fotograf Elmar Haardt

Was von der Durchfahrt übrig bleibt

Wer reist, bewegt sich. Manche Eindrücke rauschen wie Filmsequenzen vorbei, andere verdichten sich zu mentalen Standbildern. Der Fotograf Elmar Haardt zeigt in seiner Serie Topographien der Durchfahrt II Straßen, Parkplätze und Tankstellen in den USA, in Deutschland und Italien. Obwohl Straßen von einem Ort zum anderen führen, bleiben sie selbst merkwürdig unbestimmt. Menschen sind nicht zu sehen, wohl aber die Zeichen ihrer Mobilitätslust. Die Galerie Jarmuschek + Partner zeigt Haardts Fotografien bis zum 25. Februar in Berlin.

 

Süddeutsche Zeitung/Blogs und Kolumnen/ 11. Dezember 2011

Elmar Haardt – Manchmal kann man die Berge sehen

Straßen, Siedlungen, Hochhäuser, aufgereihte Garagenplätze, schlichte Reihenhäuser und einzelne Zweckbauten – die Fotografien von Elmar Haardt zeigen offenbar alltägliche Normalität. Die Serie Manchmal kann man die Berge sehen (2010/11) ist in München, größtenteils im Stadtteil Giesing entstanden. VON RALF ZIMMERMANN

Die Motive wurden weder systematisch gesucht noch unterliegen sie bestimmten städtebaulichen Erfassungskriterien. Statt bekannter Örtlichkeiten oder touristischer Attraktionen zeigen die Fotografien – bei gleichbleibend zeitlosem Himmel und fast ausnahmsloser Absenz menschlicher Figuren – urbane Situationen, die von standardisierten Architekturen geprägt sind. Die Ansichten erscheinen einerseits vertraut, andererseits wirken sie befremdlich. Die Stadt ist hier kaum wiederzuerkennen.
Elmar Haardts Fotografien unspektakulärer, geradezu ergreifend banaler Straßenzüge und Häuser provozieren eine unerwartete Begegnung mit jener urbanen Umgebung, die im Alltag von der bewussten Wahrnehmung oftmals ausgeblendet wird. Die Gleichzeitigkeit von Enge und Weite sorgt dabei für ein latentes, aber stetiges Spannungsverhältnis: der Mangel an Platz und Freiräumen zwischen den Häuserwänden ist förmlich spürbar, zugleich bleibt der Blick in die Ferne möglich.

Elmar Haardt setzt sich innerhalb dieser Serie nicht nur mit den Beziehungen zwischen der Wirklichkeit und deren fotografischer Repräsentation auseinander, seine Stadtbilder sind gleichzeitig präzise beobachtete Daseins- und Zustandsbeschreibungen. Denn die fotografischen Wirklichkeitsausschnitte sind – nicht nur bedingt durch die technische Voraussetzung ihrer Aufzeichnung – als Teil eines größeren Komplexes zu verstehen. Der urbane Raum ist ein sozial geprägter, definierter Raum, d.h. immer ein Produkt der Gesellschaft. Wenn Haardt einzelne urbane Sequenzen festhält, die vorrangig architektonische Umgebungen beschreiben, stellt er vor allem Fragen nach den an Architektur ablesbaren gesellschaftlichen Verhältnissen. Er formuliert hier keine direkte Architekturkritik, sondern fragt vielmehr nach dem, was Architektur als visuell geprägte Form einer Lebenswelt zu repräsentieren vermag. Seine Fotografien filtern die Eigentümlichkeit städtischer Lebenswelten heraus und legen jene öffentlichen Organisationsprinzipien offen, die zur Beschaffenheit des jeweiligen Ortes beigetragen haben. Bei diesem Herausarbeiten einer urbanen Grammatik mittels des fotografischen Bildes ist der Fotograf selbst mehr distanzierter Beobachter denn Deuter. Die Bewertung der abgebildeten Situation liegt beim Betrachter, was jedoch eine kritische Dimension der Arbeit nicht ausschließt. Statt eines erhobenen Fingerzeigs auf mögliche Missstände oder Auswüchse konservativ geplanten Wohnens offenbaren die Fotografien vielmehr einen verwunderten Blick auf das gesellschaftliche Arrangement mit der Durchschnittlichkeit, die in der Unwirtlichkeit rein funktionaler Architektur ihren Widerhall findet.
Im Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung steht also der Stillstand: der konzentrierte Blick auf das sichtbare, jedoch oftmals ausgeblendete Resultat festgesetzter Strukturen. Auch Elmar Haardts vorangegangene Serien (aufgenommen in der italienischen Po-Ebene, in der Schweizer Region des Gotthard-Straßentunnels und im nördlichen Stadtgebiet von Essen im Ruhrgebiet) zeigen Orte mit eigenen lokalen Charakteristika, denen im Bild jedoch ein gewisses Gefühl der Ortlosigkeit anhaftet. Gerade in den gezeigten, motivisch eher unspektakulären Situationen und deren alltäglicher Selbstverständlichkeit offenbart sich das Ungewöhnliche, wenn nicht gar Groteske menschlicher Lebensumgebungen.

Ulrike Westphal

Eine Austellung der Bilder von Elmar Haardt ist vom 14. Januar – 25. Februar 2012 bei Jarmuschek und Partner in Berlin zu sehen. Eröffnung 13. Januar 2012, 18:00 – 21:00 Uhr

 

Süddeutsche Zeitung/ Kunstmarkt: 13./14. Februar 2010

„Hoffentlich Beton"

Elmar Haardt lebte ein Jahr lang in einem schweizerischen Dorf: Fotografien bei Jarmuschek+Partner in  Berlin

Der Mann sitzt fest. Die beiden Sofas der massiven Sitzecke, auf der er strumpfsockert Platz genommen hat, fluchten auf ihn zu. Hinter ihm pflastern Geweihe, Fotos seiner alten Eltern, Alpenpanoramen und eine Schwarzweiß-Aufnahme des jungen Luis Trenker so dicht die niedrige, gelb gestrichene Wand, dass es so aussieht, als formiere sich da gerade der persönliche Zimmerschmuck zu einer Welle, die gleich auf den Mann mit Schnauzbart einstürzen wird.

Elmar Haardt, dessen großformatige Fotografien noch bis zum 20. Februar in der Berliner Galerie Jarmuschek+Partner zu sehen sind, zeigt Abgründiges: Der Blick der von ihm Portraitierten ist gespenstig leer, die Bezüge ihrer Sofas, Teppiche und Gardinen dafür umso belebter. Viele wählten ihr Wohnzimmer als Kulisse und ahnten wahrscheinlich nicht, wie viel sie damit preisgeben von ihrem Leben, ihren Wünschen und Enttäuschungen. Doch der 1974 in Essen geborene Elmar Haardt, der sich zuvor in seiner Arbeit mit dem märkischen Oderland und dem Ruhrgebiet beschäftigt hat, führt die Menschen, die alle aus der kleinen Gemeinde Gurtnellen in der Schweizer Gotthard-Region stammen, nicht vor. Indem er den Bildern der Hausbesuche Aufnahmen der Gegend gegenüberstellt, gelingt ihm vielmehr ein stilles Portrait einer ganzen Ortschaft.

Auch die Landschaftsaufnahmen sind klar aufgebaut aus dem Gebirgsmassiv, das sich im Hintergrund auftürmt, dunkelgrünen Wäldern - und der Autobahn, die die Alpenidylle zerschneidet. Wie der Mann auf der Sofaecke erscheint so die Natur eingesperrt, im Würgegriff der mehrspurigen Straße, über die jährlich mehr als sechs Millionen Fahrzeuge auf ihrem Weg durch die Schweizer Alpen brettern. Vorbei an der Ortschaft, die in einem Vakuum zwischen Bergpanorama und Trostlosigkeit festhängt.

Ein Jahr hat Haardt für die Serie (Aufnahmen zwischen 2500 und 5000 Euro) im schweizerischen Gurtnellen gelebt. Er brachte den Kindern in der Schule das Fotografieren bei, gewann das Vertrauen der Ortsbewohner und lernte ihren Alltag, ihre Rituale kennen. Das alles wird in den Aufnahmen sichtbar, ob in der Musterung des Sofabezugs oder den beiden Gartenstühlen, die in Blickrichtung zur Betonauffahrt stehen statt zu den Berggipfeln. Damit erzählt Elmar Haardt in seinen Bildern die Geschichte einer Ortschaft, die auf dem Weg der Menschen nach vorne am Rand vergessen wurde - wie so viele.

Laura Weissmüller