Carsten Weitzmann

Top magazin thüringen, ausgabe 2, sommer 2011

„Was willst du einmal werden?“, fragt der Meister seinen 6-jährigen Schüler. „Maler“. „Lass das mal lieber sein“, erwidert kopfschüttelnd der Meister, „nur einer von Tausend kann davon leben.“ Der Schüler überlegt kurz und sagt: „Das bin ich.“ Carsten Weitzmann hat sein Versprechen eingelöst. Sein Lehrmeister, Thüringens bekanntester Maler Otto Knöpfer - der am 13. März 100 Jahr alt geworden wäre - würde heute stolz sein auf seinen einstigen Zeichenschüler. Und das nicht nur, weil Carsten Weitzmann am 6. Mai seinen 50. Geburtstag feierte. Sondern viel mehr, weil der Erfurter nun seinerseits zu den besten figurativen Malern Thüringens gehört. TIP traf den Jubilar in seinem Atelier und sprach mit ihm über sein Leben, seine Kunst und vor allem über sein Personal.
Das treibt ihn nämlich um, den ganzen Tag, manchmal auch die Nacht. Die Farbtupfer auf seiner Arbeitsjacke sind der Beweis und Casten Weitzmann bestätigt es, während er an einer Zigarette zieht. „Ja, ich lebe mit ihnen und muss aufpassen, dass ich mich allen gegenüber demokratisch verhalte und keinen vernachlässige.“
Die Wände in seinem Atelier im Erfurter Norden sind voll mit Geschichten seiner Protagonisten. Gemalt in Öl auf Leinwand. Er arbeitet immer gleichzeitig an 30 bis 50 Bildern. Ist die Ölfarbe trocken, hat die begonnene Geschichte entweder Bestand, wird um- oder nie zu Ende erzählt.
Die Protagonisten, Carsten Weitzmann nennt sie sein „Personal“, das sind 20 verschiedene Charaktere. Sie arbeiten aber nicht für ihn, sie sind viel mehr „seine Stellvertreterfiguren, für eine Gesellschaft, wie sie Kunst, Kulturgeschichte und Medien erschaffen haben“, wie es einmal ein Laudator beschrieb. Was sie gerade machen, das könne Carsten Weitzmann gar nicht so recht sagen. Vieles passiere im toten Winkel, der ist eigentlich nicht einsehbar und doch sind er und das was dort passiert real.  Jede Figur steht für einen Aspekt des Lebens. Ihnen kann er alles erzählen. Und in seiner Malerei ist der Künstler „sehr geschwätzig“. Es geht um Beziehungsgeschichten, den Umgang mit Kunst, mit Gewalt. Vieles ist bewusst klischeehaft überzeichnet. Wie die Krankenschwester, die in der Regel ein Engel ist und die Sexualfantasie von uns Männern anregt. Bei Carsten Weitzmann ist sie böse und bringt gelegentlich ihre Liebhaber um die Ecke. Oder El Toro, das männliche Prinzip, der Macho, der aber nicht immer stark sein möchte und sich deshalb auch mal ein Frauenkleid anzieht. Der Freund der Schwerkraft, ein Kleinbürger, der alles festnagelt, was er kriegen kann...
„Sie lieben, quälen, betrügen, trösten, lügen, verschwenden ihr Leben... all das, was Menschen für gewöhnlich machen. Es ist wie ein ständig fortlaufender Film, der in meinem Kopf abläuft. Ich denke mir die Geschichten nicht aus, sondern sie fallen mir im wahrsten Sinne des Wortes ein.“ Es geht dem Künstler dabei nicht um Ethik, sondern um das Spiel mit Humor und Klischees. Den moralischen Zeigefinger lässt er aber unten. In seinen Bildern hält er nur das fest, was er vor seinem geistigen Auge sieht.
Bilder hatte Carsten Weitzmann schon immer im Kopf. Mit drei Jahren gibt ihm die Mutter Buntstifte und ein weißes Blatt Papier, damit ihm nicht so langweilig ist. So entsteht seine erste Bildergeschichte.
Er flüchtet immer wieder in seine Welt und zeichnet sie. Psychologen begründen das mit der Scheidung der Eltern. Im Kindergarten können sie ihm nichts mehr beibringen. „Ich habe gezeichnet, wie jedes andere Kind auch, ich habe nur nicht damit aufgehört“, erklärt er seine Passion.

Aufgehört hat er indes aber ganz schnell, an den Arbeiter- und Bauernstaat der DDR zu glauben. Er hat keine Lust auf die Pionierorganisation, die Freie Deutsche Jugend. Er wird Ostpunk und verbaut sich Abitur und Studium. Bei der Musterung für die Nationale Volksarmee wird er für verrückt erklärt. Den Dienstausweis mit dem Eintrag „dauernd dienstuntauglich“ besitzt er noch. Nach diesem Glücksfall ergreift der 17-Jährige einen bürgerlichen Beruf: Restaurationssteinmetz. Nach der Lehre hört er auf und verdingt sich als  Nachtpförtner im Erfurter Theater und als Kirchensteuereintreiber in Sondershausen. „Gehen sie mal im Kommunismus durch die Gegend und fragen die Leute, ob sie nicht Kirchensteuer zahlen wollen“, erinnert er sich an die groteske Situation, die ihm zehn Prozent Provision einbringt. Manche Monate hat er nicht mehr als 150 DDR-Mark eingenommen. 1982 zieht es den jungen Künstler für ein halbes Jahr nach Leipzig. Auf die Straße. Denn auch im Sozialismus gilt: Keine Wohnung, keine Arbeit und umgekehrt.
Er kehrt zurück nach Erfurt, wird Grafiker im Pionierhaus auf dem Petersberg. „Die waren ideologisch nicht verseucht.“ Acht Jahre braucht er auch, um in den Verband der Bildenden Künstler aufgenommen zu werden. Wegen Personalmangels. „Ich habe mich toll gefühlt, konnte in Berlin, Dresden und Leipzig westdeutsche Farben und Pinsel kaufen. Die Stadt war verpflichtet, zwei Bilder pro Jahr zu kaufen. Das war Spielwiese pur.“ Diese existiert aber nur drei Monate. Dann fällt am 9. November 1989 die Mauer. Bereits ein Jahr zuvor war Carsten Weitzmann dabei, als in Erfurt das Neue Forum gegründet wurde. Er wird verhaftet, tagelang verhört. „Das hat aber nichts mit meiner Arbeit zu tun.“ Er sei zwar ein politisch denkender Mensche, aber kein politischer Künstler.
„Ich habe 28 Jahre in einem totalitären Staat gelebt. Heute ist es zwar besser, aber ich komme mehr und mehr ins Grübeln bei dem, was heute so abläuft.“
Nach der Wende lernt er die soziale Marktwirtschaft kennen, holt sich die eine oder andere blutige Nase. 1993 zieht es den freiberuflichen Maler und Grafiker in das sich im Aufbruch befindende Berlin. Erfurt wurde ihm zu klein. Zehn Jahre und ein Stipendium des Kulturfonds Berlins später muss er wieder raus, egal wohin. Das laute Berlin ist zu laut geworden. Er landet schließlich, der Mutter und einem Freund, der ihm sein heutiges Atelier vermittelte, sei dank, wieder in seiner Heimatstadt. Die Ruhe tut ihm gut. Heute weiß er, dass er in Erfurt erst so richtig zu sich gekommen ist. Er konzentriert sich auf sich, malt erfolgreich Rasterbilder mit Medienkontext und erhält 2007 trotz nicht vorhandenem akademischen Abschlusses einen Lehrauftrag für Zeichnen an der Universität Erfurt. Später kommt noch ein Zweiter für den Animationsfilm dazu.
Im gleichen Jahr kommt auch wieder der Geschichtenerzähler in ihm zum Vorschein. Zu lange hatte er ihn unterdrückt, denn es gehörte sich lange nicht in der bildenden Kunst, narrativ, also erzählend, zu malen. Zu lange hat er sich mit kunstimmanenten Dingen auseinandergesetzt, mit einer Art Überbau beschäftigt. Das wirft er jetzt alles über Bord. Willingshausen sei Dank. In dem Dorf in Mittelhessen verbringt Carsten Weitzmann drei schöpferisch wertvolle Monate, gefördert durch ein Stipendium der Sparkassenstiftung Hessen/Thüringen. Während der Stipendienarbeit „Die Bananenlose Republik oder am Anfang war das Kindsein“, in der er seine Kindheit in der DDR verarbeitet, entsteht die erste Figur seines Personals. Rotkäppchens Tochter. Nach und nach folgen die anderen. Von den Rasterbildern hat er jetzt die Nase voll. „Ich bin Geschichtenerzähler, das mache ich jetzt bis an mein Lebensende.“
Dann ist er jetzt mit 50 circa bei der Hälfte angelangt. Ausstellungsmacher würdigen das bisherige Schaffen von Carsten Weitzmann mit Ausstellungen und sogar mit einem  Buch. Die Münsteraner Galerie Steinrötter verlegt es in Zusammenarbeit mit drei namhaften Kunstwissenschaftlern.
Wem so viel Ehre zu teil wird, der muss jetzt auch bis zum Schluss unseres Atelierbesuches bereit sein, bei einer letzten Zigarette, ein kurzes Resumé zu ziehen. „Die 50 hat nichts mit meinem mentalen Alter zu tun, auch wenn der Körper schneller altert. Ich lebe das Leben, was ich immer wollte, auch wenn es keine finanziellen und sozialen Sicherheiten gibt. Auf der anderen Seite lebe ich im totalen Luxus, was Zeit betrifft. Und Gedanken darüber, dass Kunst ist und wie sie aussehen muss, mache ich mir schon lange nicht mehr. Ich male für mich, auch wenn es mich natürlich freut, wenn meine Bilder verkauft werden. Am dankbarsten bin ich jedoch für die Unterstützung meiner Familie, ohne die ginge das alles nicht.“
Und ohne die seines Personals schon gar nicht.

TOP-Service: www.carstenweitzmann.de vertreten durch: Galerie Jarmuschek+Partner, Berlin, www.jarmuschek.de und Galerie Claus Steinrötter, Münster, www.steinrötter.de

Ausstellung am 12. August 2011: „Drei Wünsche frei!“
13 national und international bekannte Künstler feiern mit Carsten Weitzmann seinen 50. Geburtstag im „Haus des rosa Bären“ in der Erfurter Johannesstraße 38.

 

 

Fehler lernen nicht

Das Personal aus dem toten Winkel

Bernhard Balkenhol (2010)

Wer als Wolf Schulkreide frisst, erntet eine verführerische Stimme, die alles Fragen nach dem Anderen in staunenden Gehorsam verwandelt, die es sogar möglich macht, das eigene Geschlecht zu wandeln. Anders als im Märchen erzählt, hat Rotkäppchen damals wohl mitgespielt. D.h. die Sache ist anders verlaufen: Beide haben mit Steinen nach ihren Verfolgern geworfen, die sich schließlich in den von Prinzipien ausgetrockneten Brunnen flüchteten. Die beiden haben sich selbst überstiegen, und Jahre später zeigt Rotkäppchens Tochter selbstbewusst die Wolfsohren. Sie lässt sich für ihr Begehren oder ihre Schönheit nicht mehr steinigen. 

Prinzipien sind Regeln, die sich verselbständigt haben, die sich und alles um sie herum binden, aus Prinzip. Und weil sie immer gelten wollen, haben sie Reiter engagiert, einen jungen und einen etablierten Philosophen , die nicht merken, wie sie selbst zum Pferd werden. Prinzipien aber atmen ihren Verstoß gleich mit aus und ein. Ihr Geltungsbewusstsein gleicht einer Krankenschwester , die ihr unberechenbar weibliches Prinzip nutzt, die aktive Angst in diffuse Geduld zu verwandeln.

Aber wo ist Gott? Der, der alles in der Hand hat, der ins All projizierte Fluchtpunkt des Betrachters, die Instanz hinter dem Auge? Es gibt ihn nur als Le( )rstelle, sicher nur als den Hausmeister Gottes , der von allem unbeeindruckt - wenn auch nur auf Vorgartenniveau - Ordnung hält. Sein verhasster Kumpane ist der Freund der Schwerkraft , der alles nageln muss, Spießbürger und Versicherungsagent, der einzige mit Überblick, weil er sich nicht vorstellen kann, dass die Kulisse auch ein Dahinter hat. Wie soll es auch möglich sein, sich in die eigene Wahrnehmung zu stellen, d.h. wahrzunehmen und gleichzeitig zu bemerken, wie man wahrnimmt oder gar in der Wahrnehmung wahrgenommen wird?

Der Junge und das Mädchen , der eine ein offenes männliches Prinzip, die andere ein offenes weibliches, beide noch androgyn, mögen diesen Wechsel der Perspektiven noch ahnen, bevor sie zu El Toro und Bella Donna werden. Als solche sind sie bereits auf Drogen gesetzt, Medien der Medien - es sei denn, ihr nach außen ausgeprägtes und verführerisches Prinzip ist Modell, eine selbstbewusste Setzung und Ent-Scheidung, die nicht ihnen sondern nur den anderen weh tut. Als solche wären sie Kunstfiguren - die nicht existierten, es sei denn als in der eigenen und der Bewunderung der Anderen Angewendete. Müssen die beiden noch Masken tragen, vermag Beauty Queen bereits durch den Spiegel zu gehen. Als schönste Frau ist sie ein Mann.

Und wo ist der Künstler? Er ist immer noch Avantgardist , allerdings einer der Methoden von Kunst - auch eine Form der Anwendung. Dekonstruktion als Tätigkeit fällt ihm noch schwer, denn die materialisierte Form verführt nun mal zum Objekt und sabotiert somit die Unterwerfung, das Subjekt. Dass man mit Filzmantel und Spazierstock all die Kojoten zu besseren Menschen machen könnte, ist ein religiöses Verständnis von Kunst, das auch das Orakel zum Schweigen bringt. Da bildet sich nichts. Ein solcher Kojote verkäme zum treuen Hund , dem der aufgesetzte Trichter das Fressen und Beißen verunmöglicht.

Der einzige Gewinner in dieser Welt aus Selbstverständlichkeiten von Fehlern, ist wohl der Globalist . Als rumpfloser Kopf, liegt er überall herum, ist Spielball und Wurfgeschoss, Fernsehattrappe, Luftblase, die lächelnd in den Himmel steigt, das Seil von Kontrollmäusen gehalten.

(Das hier aufgeführte Personal von Carsten Weitzmann (insgesamt 20 Figuren) ist eine Bilder-Bevölkerung - nicht als Ergebnis einer systematischen Analyse oder eines Gesellschaftsentwurfes, sondern einer kritisch empathischen Beobachtung. Sie sind gleichsam im Koordinatensystem verschobene Typen, die deswegen abseitig sind - ohne es zu merken. Trotzdem bilden sie als stellvertretende Prinzipien ein kommunizierendes System von Verhalten und Verhältnissen, das scheinbar keine Ethik sonder nur Realitäten kennt. Weitzmann ist damit ein undogmatischer Bilder-Erzähler, der sich den moralischen Zeigefinger abgebrochen hat. Weder wehrt er sich gegen diese Verhältnisse, noch greift er ein. Eher steht er verlaufen - aber mit beiden Beinen - im dichten Wald der Zustände und hält seinen feuchten Mittelfinger in die Luft, um zu spüren, woher der Wind weht.)

 

Die Tochter des Rotkäppchens oder was noch weiter war und wird

Bernhard Balkenhol (2009)

Auch wenn im Märchen der Brüder Grimm der Wolf mit den Wackersteinen im Bauch versenkt wurde, nach dem Rotkäppchen befreit war, scheint die Geschichte nicht zu Ende gewesen zu sein - jedenfalls nicht für Carsten Weitzmann. Denn in seinem umfangreichen aktuellen Bilderzyklus gibt es „Rotkäppchens Tochter", die schwarze Wolfsohren über dem Haar trägt. Ist das ein Bekenntnis der selbstbewussten jungen Frau zur eigenen Herkunft oder ihr Programm?

Beides scheint zu stimmen, denn demonstrativ lässt sie im Männerklo die Hosen runter und stellt sich ans Pissoir („Stellungnahme", 2008) oder sitzt als „Herrenreiterin" (2008) auf dem Rücken des „jungen Philosophen", der mit dem „etablierten Philosophen", beide nackt, ein Pferd bildet.

Damit sind schon drei Figuren genannt, von insgesamt zwanzig. Carsten Weitzmann nennt sie sein „Personal". Es sind seine Stellvertreterfiguren für eine Gesellschaft, wie sie Kunst, Kulturgeschichte und Medien generiert haben. Sie beschreiben die herrschenden ideologischen Systeme bild-wörtlich und schreiben sie fort. Aus der Erfahrung mit der „bananenlosen Republik", so der Titel eines Bilderfrieses über seine Kindheit in der DDR, und dem System des Kapitalismus heute hat er sie entwickelt, jetzt führen sie ihn über seine Leinwände.

Das ist wörtlich gemeint, denn Carsten Weitzmanns Bilder-Bevölkerung ist nicht das Ergebnis einer systematischen Analyse oder eines Gesellschaftsentwurfes, sondern einer kritisch empathischen Beobachtung von Verhältnissen und Situationen an exemplarischen Einzelpersonen. So besonders diese auch sind, er nennt sie ein „Prinzip". „Der Junge" z.B. ist für ihn „offenes männliches, noch androgynes Prinzip", „Die Krankenschwester" „unberechenbares, weibliches Prinzip" und „Der Hausmeister Gottes" „göttliches, reinigendes Prinzip". All diese Prinzipien bilden ein kommunizierendes System von Verhalten und Verhältnissen, das scheinbar keine Ethik, sondern nur Realitäten kennt. Carsten Weitzmann ist damit ein Bilder-Erzähler ohne dogmatische Absichten oder moralischen Zeigefinger, eher steht er verlaufen - aber mit beiden Beinen - im dichten Wald der Zustände und hält seinen feuchten Zeigefinger in die Luft, um zu spüren, woher der Wind weht.

„Ich könnte alle diese Figuren sein, weibliche wie männliche" sagt er, „außer der Globalist". Das ist ein Allerweltskopf ohne Rumpf - weil er vom Fernsehen in Großaufnahme erfunden wurde, der überall - im Weg - herumliegt oder mal als Luftballon („Reise", 2009) davon fliegt, an seinem Seil eine der „Kontrollmäuse", diesen Kindern von Micky Maus, deren Kopf nur aus einem Auge besteht. Er kann sie alle verstehen und ist doch Außenstehender, was ihm eine schmunzelnd böse Distanz gibt, sie in Szene zu setzen. Aber er wehrt sich eben nicht gegen diese Verhältnisse, greift nicht ein, selbst wenn beispielsweise zwei dieser Kontrollmäuse auf der Schaukel aus ihren Verpackungskartons heraus sich mit dem Baseballschläger die Augenköpfe einschlagen wollen und drohen ihr Gleichgewicht dabei zu verlieren („Autoritätsversuch", 2009).

So banal, manchmal fast wie ein Bilderwitz, die Szenen sind, so doppelbödig sind sie. Was soll man dazu sagen, wenn „Die Krankenschwester" „El Toro", den maskierten starken Mann mit dem phallischen Kaktus unterm Arm („El Toro hat Erfolg bei den Frauen", 2008), von hinten nimmt („Demonstration", 2008) oder wenn „der Freund der Schwerkraft" die Zunge des jungen Philosophen einfach festnagelt („Der Freund der Schwerkraft war hier", 2008)? Doppelbödig irritiert ist auch dessen etablierter Kollege, der mit der Taschenlampe durchs Dunkel („Die Entdeckung, 2008") geht, vor sich einen Lichtkegel, der an seinem Ende einen Kreis bildet, in dem drei schwarze Punkte die Blindheit markieren. Oder ist das eine Parodie auf das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch? Denn dieses (ins Schwarzweiß übertragene) Blindenzeichen hält auch „Der Avantgardist" als Leinwand vor seinen Kopf und „... gibt sich minimalistisch" (2008).

Den Bezug auf (berühmte) Bilder der Kunstgeschichte findet man öfter. „El Toro" z.B. „...will anders sein" (2008) und posiert in den Kleidern von Tizians „Dame in Weiß", und der Avantgardist grüßt, wie Courbet in seinem Selbstbildnis, die Kunstfreunde, in der Hand nicht den Hut, sondern besagtes Drei-Punkte-Bild („Guten Tag, Herr Avantgardist", 2009). Und wenn auch Joseph Beuys seinen Filzmantel und Spazierstock nach getaner Arbeit an den Nagel hängt („Feierabend", 2008), ist das kein Nachbild, sondern dann ist die Kunst tatsächlich im Alltag und beim Volk angekommen. Dann sind all diese Situationen und ihre Personen gleichberechtigte Ikonen eines kollektivierten Gedächtnisses - als Fortsetzungsserie. Und der Wolf - das hat das Märchen nicht erzählt, ist zwar in den Brunnen gefallen aber durchgetaucht bis auf die andere Seite der Erde - während das Rotkäppchen ihre Schwangerschaft ausgetragen hat.

 

„Was willst du einmal werden?“, fragt der Meister seinen 6-jährigen Schüler. „Maler“. „Lass das mal lieber sein“, erwidert kopfschüttelnd der Meister, „nur einer von Tausend kann davon leben.“ Der Schüler überlegt kurz und sagt: „Das bin ich.“ Carsten Weitzmann hat sein Versprechen eingelöst. Sein Lehrmeister, Thüringens bekanntester Maler Otto Knöpfer - der am 13. März 100 Jahr alt geworden wäre - würde heute stolz sein auf seinen einstigen Zeichenschüler. Und das nicht nur, weil Carsten Weitzmann am 6. Mai seinen 50. Geburtstag feierte. Sondern viel mehr, weil der Erfurter nun seinerseits zu den besten figurativen Malern Thüringens gehört. TIP traf den Jubilar in seinem Atelier und sprach mit ihm über sein Leben, seine Kunst und vor allem über sein Persona