Carina Linge

Weimarer allgemeine, 17.6.2011

Von der jungen Frau ist nur die untere Gesichtshälfte zu sehen: die ebenmäßige Nase, ein voller roter Mund, ein Leberfleck am Kinn. Klassische Schönheit im eleganten Sommerkleid. Auf ihren Armen hält sie ein Kaninchen, tot, seines Fells beraubt. Trauriges Sinnbild unerfüllbarer Fleischeslust. Vielleicht.


Weimar. „Dame mit Kaninchen“ ist eines der bekanntesten Bilder der Fotokünstlerin Carina Linge (35). Das traurig-schaurig-schöne Frauenporträt zitiert „Die Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci. Es könnte auch heißen wie Linges Ausstellung in der Kunsthalle „Harry Graf Kessler“: „Einsamer Eros“ ist ihr Titel.
In ihrer seit 2008 entstandenen Werkgruppe fragt die in Leipzig lebende Künstlerin, Absolventin der Bauhaus-Universität Weimar, wo begehrliche Liebe zwischen Lebens- und Todestrieb ihren Platz hat in einer Zeit, in der vor allem schwierige Beziehungen zu sich selbst gelebt werden. Dazu hat Linge in ihrem Bekannten- und Freundeskreis Singles und Paare befragt, mit ihnen jeweils ein Vierteljahr gearbeitet und noch einmal längere Zeit danach. Entstanden sind aufwendige, großartige Bildkompositionen, die soziologische, psychologische und kunsthistorische Aspekte ins sich vereinen.
Man entdeckt die Singlefrau mit dem Kaninchen auf anderen Bildern wieder. Auf einem gemahnt ihre Rückenansicht an Jean-Auguste-Dominique Ingres „Die Badende von Valpincon“. Auf einem anderen sieht man ihren Unterleib auf einer Kloschüssel hocken, Blut rinnt fein zwischen ihren Fingern herab. „Mein guter alter Freund“ heißt dieses Bild, womit die Porträtierte die stets greifbare Möglichkeit des Suizids meint.
Carina Linge holt in ihren Bildern oft Alte Meister zur zeitgenössischen Kunst. So stellt sie ihren Serien Stillleben in barocker Vanitas-Tradition zur Seite. Sie zeigen Gegenstände aus dem Leben der Singles und Paare, einschließlich solcher, die als Sinnbilder der Vergänglichkeit taugen. Oft auf den zweiten Blick erst sieht man, dass ein alt scheinendes Gemälde eine neue Fotografie ist, auf den dritten entdeckt man feine Brüche, die durch Gegenstände des 20. und 21. Jahrhunderts entstehen. Ein Matchbox-Auto als Leichenwagen etwa nimmt dabei aber wieder den morbiden Vanitas-Charme auf.
In der Mitte der Halle steht indes eine hohe Holzkiste, die vorgibt, die Adonis-Skulptur des Bildhauers Bertel Thorvaldsen für einen Kunsttransport zu beherbergen. Im Inneren aber erblickt man sich selbst, in einem Spiegel. „So wird der Betrachter in die Werkgruppe involviert“, sagt Carina Linge. Und die Frage nach dem Schönheitsideal eines Körpers wie der Seele wird auf jeden einzelnen selbst zurückgeworfen.
„Einsamer Eros“ ist eine Ausstellung mit facettenreichem Lustgewinn - und zugleich der erste Teil einer Trilogie, deren andere Teile im Herbst im Kunsthaus und in der Kunsthalle Erfurt gezeigt werden.
In Weimar wird damit zugleich die seit Herbst 2009 geschlossene Kunsthalle wiedereröffnet. Für 250.000 Euro war in der Zwischenzeit das Dach saniert worden. Unter einem neuen gläsernen Spitzdach, das Schutz vor UV-Strahlung gewährt, wurde ein neues Oberlicht eingebaut. Das originale, vermutlich von Henry van de Velde stammende, entspricht nicht heutigen Sicherheitsstandards. Es soll aber aus denkmalpflegerischen Gründen später über das neue gelegt werden.


Die Ausstellung „Einsamer Eros“ wird am Freitag, 17 Uhr, in der Kunsthalle feierlich eröffnet. Sie ist bis 31. Juli zu sehen, dienstags bis sonntags 11 bis 17 Uhr.

 

Weimar Mobil, 16.6.2011

"Einsamer Eros"
Mit der Ausstellung „Einsamer Eros“ der Künstlerin Carina Linge öffnet die Kunsthalle „Harry Graf Kessler“ nach einer Dachsanierung am Freitag, dem 17. Juni 2011, 17 Uhr, wieder ihre Pforten. Die Präsentation der Kulturdirektion der Stadt Weimar in Kooperation mit dem Stadtmuseum Weimar bildet den Auftakt einer Ausstellungsreihe mit Werken der Künstlerin Carina Linge, gefolgt vom Kunsthaus Erfurt (02.09.-30.09.11) und dem Erfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Erfurt (15.09.-16.10.11).
 
In ihrer Werkgruppe „Einsamer Eros“ widmet sich Carina Linge einem traditionellen Thema auf neue, emotional eindringliche Weise. Überaus behutsam und schonungslos zugleich setzt sich die Künstlerin mit der emotionalen Lebenswelt des Menschen auseinander. Das intime Spannungsfeld menschlicher Befindlichkeit thematisierend, beschreibt Carina Linge Möglichkeiten einer neuen Porträt-Fotografie. Es gelingt ihr, Irritationen, Ängste und unerfüllte Sehnsüchte jener Generation einfühlsam abzubilden, deren globale Freiheit schier grenzenlos scheint. Vor dem Hintergrund unserer kulturell und medial beförderten Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Geborgenheit geht es um den subjektiven Ausdruck von Verletzlichkeit und Verlust. Dabei setzt die Künstlerin inszenierte Fotografien, reduzierte Texte und Zitate mit augenscheinlicher Präzision ein. Komplexität, visueller Anspielungsreichtum und emotionale Ansprache zeichnen die Arbeiten Carina Linges aus.
 
Die Ausstellung wurde unterstützt vom Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur und der Stiftung Kunstfonds Bonn.
 
Carina Linge, Jahrgang 1976, studierte bis 2006 an der Bauhaus Universität Weimar bei Norbert W. Hinterberger und lebt als freischaffende Künstlerin in Leipzig.
 
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr
Ort: Kunsthalle „Harry Graf Kessler“, Goetheplatz 9 b
Ausstellungsdauer: 18.6. - 31.07.2011
Eröffnung: 17. Juni 2011, 17 Uhr
 
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Dieser ist als in limitierte und handsignierte Vorzugsausgabe (Auflage: 100 Stück, 68 Seiten) für 25 Euro erhältlich. Ein weiteres Katalogbuch wird im kommenden September beim Kerber Verlag erscheinen:
 
 
Hrsg: Kulturdirektion der Stadt Weimar, Kunsthaus Erfurt, Erfurter Kunstverein e. V.
Vorwort von Ulla Seeger, Monique Förster und Cornelia Nowak
mit Textbeiträgen von Klaus Honnef und Silke Feldhoff
ISBN: 978-3-86678-542-7
Format: ca. 21,00 × 27,00 cm
Sprachen: Deutsch | English
erscheint im September 2011

Das magazin, Februar 2011

Einsamer Eros

Um Gottes willen, was ist da passiert? Die Szenerien, die Carina Linge arrangiert, sind nicht als Provokation gedacht. In ihrer Serie »Einsamer Eros« zeigt sie die Gefühlswelten der modernen Single-Frauen. Sie nutzt dafür bevorzugt kunsthistorische Symbole und Codes - der gehäutete Wiesel gehört dazu

Schauen Sie hin. Länger, als Sie es normalerweise tun. Das würde die Künstlerin Carina Linge schon freuen. »Dabei weiß ich, diese Hoffnung klingt fast exotisch in einer schnelllebigen und von Bilderflut geprägten Gegenwart.« Ihre Serie »Einsamer Eros« setzt bewusst auf starke Emotionen und verschafft sich damit Aufmerksamkeit. Das gehäutete Kaninchen ist auch für Menschen ohne Kunstambitionen als Metapher für Verletzlichkeit zu verstehen. Da hat jemand seine schützende Hülle verloren.

Ein bisschen mehr muss man schon wissen, wenn Carina Linge bei dieser Aufnahme Leonardo da Vincis »Die Dame mit dem Hermelin« ins Spiel bringt. Modell stand dort die junge, schwangere Liebhaberin des Herzogs von Mailand mit einem Wiesel im Arm, vornehmer ausgedrückt: mit einem Hermelin. Das war der Spitzname des Herzogs. Das Bild ist aus dem Jahr 1490. Mehr als 500 Jahre später bleiben die schönen Frauen nicht selten allein, sind ihre Erwartungen an die Liebe zu romantisch oder zu ultimativ, ihre Unabhängigkeit zu groß, um sich in irgendwelche Verhältnisse zu fügen.

Carina Linge macht ihre Porträts auf dokumentarischer Basis. Sie lässt sich viel Zeit, interviewt die Frauen, die sie fotografiert, erkundet ihr Umfeld, stattet die Stillleben zu den Aufnahmen mit Originalutensilien aus der Wohnung aus. Sie arrangiert mit Freude Szenerien, die an Werke aus Renaissance und Barock erinnern, und bricht den heiligen Ernst der Kompositionen immer wieder durch kuriose Details. Drapiert wird alles auf einem ollen Küchentisch, die Blumen stehen im Konservenglas, das Vergehen symbolisiert nicht wie einst üblich vertrocknetes Obst, sondern ein schwarzes Spielzeugauto, Modell Leichenwagen. Anders als bei da Vinci bleiben die Porträts von Carina Linge anonym. Wer sich von ihr fotografieren lässt, gibt seinen Gemütszustand, sein Innerstes preis, nicht aber sein Gesicht. Es geht um die Verallgemeinerung von Ich-Erfahrungen.
Carina Linge, 1976 in Cuxhaven geboren, studierte zweimal Lehramt. Theologie und Romanistik in Kiel, Kunst und Germanistik in Greifswald. Beides mit Erkenntnisgewinn, aber nicht bis zum Ende. »Ich habe gemerkt, dass es nur ein Fallschirm war, um nach dem Abschluss der finanziellen Unsicherheit der bildenden Künstler zu entkommen.« Auf den Fallschirm verzichtete sie dann doch, sie hat noch mal ein komplettes Studium der Freien Künste absolviert, diesmal an der Bauhausuniversität in Weimar. Eine kleine Stadt mit großer Geschichte, in der die Gegenwart zu wenig Platz hat. »Alles ist schon besetzt, hier wurde schon so viel erdacht, umgesetzt, erwirkt, dass kaum Raum für Zeitgenössisches bleibt«, meint Carina Linge. Sie lebt jetzt in Leipzig, »einer Stadt, die der Moderne verbunden ist«.

Denn so sehr Linges Bildästhetik immer wieder kunsthistorische Vorbilder gekonnt zitiert und variiert, die großen Themen sind bei ihr unbequemes 21. Jahrhundert. Kurz gesagt mit ihren eigenen Worten: »Infragestellung von Beziehungen«, »Vielheit von Sinnkonzeptionen«, »allgemeine Orientierungs- und Ziellosigkeit des Menschen«, »Handlungsstarre durch die Zunahme wachsender Möglichkeiten«.
Bei so viel erfreulicher lebensphilosophischer Substanz des Kunstkonzepts muss man erst mal tief Luft holen und den Blick wieder ganz lange auf Carina Linges anmutigen, oft tragikomischen Bildern verweilen lassen. Denn die sind, Metaphern und Symbole hin oder her, im Zweifelsfall auch einfach schön anzusehen.

 

Leipziger Internetzeitung, 22.01.2011

Kristin Dittrich ist Direktorin des F/Stop-Festivals. Es ist das Leipziger Festival für aktuelle und neue Arbeiten der Leipziger und internationalen Fotografie-Entwicklung seit 2000. Ganz klar, dass zeitgenössische Fotografie in der Gebrüder Marten Galerie seinen Platz hat. Fotokünstlerin Carina Linge ist ab Sonntag zugegen.

"Die in Leipzig ansässige Künstlerin Carina Linge, stellt Singles und Paare in den Mittelpunkt ihrer Kunst. Es geht um die immanente Suche nach Nähe, Zweisamkeit und sexueller Erfüllung. Die Fotografien zeigen Stillleben und Porträts, meisterlich präzise komponiert.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man Brüche im Detailreichtum der Aufnahmen: Ein gehäutetes Kaninchen in den Armen der Dame? Ein prachtvoll arrangierter Blumenstrauß in einem Gurkenglas von Penny? Der Betrachter mag sich auf die Suche nach seiner eigenen Wahrheit begeben. Auf der Eröffnung der Ausstellung wird die Künstlerin persönlich anwesend sein", teilt Kristin Dittrich mit.
Ronald Brul, Astrid Busch, Thomas Xaver Dachs, Emma Essbach, Pernille Koldbech, Maya de Forest, Almut Hilf, Martin Plüddemann und Matthias Zielfeld sind schon in der Gebrüder Marten Galerie schon Zuhause. Da ist Carina Linge mit ihrer vom 23. Januar beginnenden und am 4. März endenden Ausstellung der besondere Gastbeitrag. Tummeln sich hier Rückgriffe in die Kunstgeschichte, wie die "Dame mit dem Hermelin" von Leonardo Da Vinci, die bei Linge statt des wuscheligen Hermelins ein gehäutetes Kaninchen in ihren Armen hält. Natürlich blutfrei und ohne voyeuristischen Blick auf Innereien.


Die Vernissage zur Ausstellung "Singles / Couples" findet am 23. Januar von 11 bis 18 Uhr statt. Bis zum 4. März sind die nachdenklichen Arbeiten von Carina Linge in der Menckestraße 3 zu sehen.  

Kristin Dittrich ist Direktorin des F/Stop-Festivals. Es ist das Leipziger Festival für aktuelle und neue Arbeiten der Leipziger und internationalen Fotografie-Entwicklung seit 2000. Ganz klar, dass zeitgenössische Fotografie in der Gebrüder Marten Galerie seinen Platz hat. Fotokünstlerin Carina Linge ist ab Sonntag zugegen.

"Die in Leipzig ansässige Künstlerin Carina Linge, stellt Singles und Paare in den Mittelpunkt hrer Kunst. Es geht um die immanente Suche nach Nähe, Zweisamkeit und sexueller Erfüllung. Die Fotografien zeigen Stillleben und Porträts, meisterlich präzise komponiert.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man Brüche im Detailreichtum der Aufnahmen: Ein gehäutetes Kaninchen in den Armen der Dame? Ein prachtvoll arrangierter Blumenstrauß in einem Gurkenglas von Penny? Der Betrachter mag sich auf die Suche nach seiner eigenen Wahrheit begeben. Auf der Eröffnung der Ausstellung wird die Künstlerin persönlich anwesend sein", teilt Kristin Dittrich mit. Ronald Brul, Astrid Busch, Thomas Xaver Dachs, Emma Essbach, Pernille Koldbech, Maya de Forest, Almut Hilf, Martin Plüddemann und Matthias Zielfeld sind schon in der Gebrüder Marten Galerie schon Zuhause. Da ist Carina Linge mit ihrer vom 23. Januar beginnenden und am 4. März endenden Ausstellung der besondere Gastbeitrag. Tummeln sich hier Rückgriffe in die Kunstgeschichte, wie die "Dame mit dem Hermelin" von Leonardo Da Vinci, die bei Linge statt des wuscheligen Hermelins ein gehäutetes Kaninchen in ihren Armen hält. Natürlich blutfrei und ohne voyeuristischen Blick auf Innereien. Die Vernissage zur Ausstellung "Singles / Couples" findet am 23. Januar von 11 bis 18 Uhr statt. Bis zum 4. März sind die nachdenklichen Arbeiten von Carina Linde in der Menckestraße 3 zu sehen.

Der Tagesspiegel, 18.06.2010

Kleine Ausreißer Neun Nebenmessen wollen sich als Konkurrenz positionieren. Das geht nicht immer gut ... Die sechste Ausgabe der Volta hat sich allein mit ihrem neuen Standort in einem Industrieareal ins Off gestellt. Hier sind Berliner Galerien mittlerweile seltener anzutreffen. Zwar zeigt Magnus Müller Diptychen von Ellen Harvey (je 4.000 Euro) und überzeugen Jarmuschek + Partner mit einfühlsamen Fotoporträts von Carina Linge (7-teilig, 7.500 Euro). Ebenso beeindrucken jedoch wenig bekannte Anbieter und Positionen wie die Galerie Magrorocca aus Mailand mit Ölporträts von Francesco Merletti (ca. 6000 Euro), die sich mit der New Yorker Y Gallery einen Stand teilt (Mixed Media auf Papier von Brad Kahlhamer, ca. 1500 Euro). Hier lassen sich Entdeckungen machen, und die Preise liegen meist im drei- bis unteren fünfstelligen Bereich. Man findet Gouachen und Ölmalereien bei den Galerien Pablo & Lost Projects aus Manila (2.000–15.000 Euro) oder bei FRED aus London zeitgenössische Porträts als handwerklich lupenreine Miniaturen von Martin Brown (3.000–4.000 Euro).