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JARMUSCHEK + PARTNER

ELMAR HAARDT - TEXTE

ELMAR HAARDT

TEXTS (SELECTION)
 

Ausstellung "Land of Dreams"
Jarmuschek + Partner |  24. Juni - 22. Juli 2017

Kein anderes Land stand bisher so unverwechselbar für die Verwirklichung von Träumen und die schier unbegrenzten Möglichkeiten wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Künstler Elmar Haardt (geb. 1974 in Essen) setzt sich in seiner neuen fotografischen Serie mit dem fragilen Status des Land of Dreams auseinander. Auftakt der Serie bilden zwei großformatige Arbeiten (je 200 x 245 cm), die im Februar dieses Jahres in Los Angeles und Las Vegas entstanden sind. Erstmals wird in der Galerie Jarmuschek + Partner neben diesen beiden Werken ein neues Bild präsentiert, das soeben in New York aufgenommen wurde.

Elmar Haardt arbeitet mit einer speziellen Aufnahmetechnik: Seine Bilder setzen sich aus mehreren analogen Großbild-Dias zusammen, die er mithilfe digitaler Scans zu einer neuen Art Panorama- Ansicht zusammenfügt. Dieser technische Aufwand führt zur einer außergewöhnlichen Verdichtung der visuellen Bildinformationen. Das Motiv wirkt trotz der überbordenden Menge an sichtbaren Details geordnet und wie bei einem Filmstill dem Fluss der Zeit entnommen.

Ähnlich den Reisefotografen und Naturforschern des 19. Jahrhunderts steht der Künstler mit großer Kamera in der einsamen Landschaft. Wo in der Realität mit dem bloßen Auge nur jeweils eine Ebene präzise erfassbar ist, überraschen Elmar Haardts Aufnahmen mit einer hochaufgelösten Tiefenschärfe, die sich über das gesamte Landschaftsbild erstreckt. Vergleichbar mit der Bildwirkung und malerischen Ästhetik von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ (1808/1810) evozieren die Fotografien ein Gefühl des „Hinsehenmüssens“ und „Hineingezogenwerdens“. In einer Zeit, in der Bilder immer flüchtiger entstehen und immer beiläufiger konsumiert werden, lassen Haardts Aufnahmen den Betrachter innehalten und fordern ihn zum intensiven Hinsehen auf – eine bewusste visuelle Überforderung und gleichzeitige Ausweitung bestehender Wahrnehmungsgrenzen.

Elmar Haardts neuen Arbeiten (New Images) gelingt ein anderer Blick auf diese so typischen Städte der USA, der über das im Wandel begriffene Image (New Image) des Landes nachdenken lässt. Haardt zeigt nicht die glamouröse Seite dieser Orte, trotzdem sind seine unaufgeregten Übersichten äußerst imposant. Er entwirft fotografische Tableaus, deren zahlreiche Details und visuelle Informationen auf geradezu „demokratische“ Weise alle gleich scharf und damit sichtbar sind. Die atemberaubenden Ansichten der Orte sind ästhetisch beeindruckend und in ihrer architektonischen Fülle zugleich beängstigend. Hier kämpfen Natur und Zivilisation um die Gebietshoheit: eine Parabel auf die gesellschaftspolitische Eruption, die das Land der Träume aktuell erschüttert. 

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"Mehr als das Auge sieht"
von Jörg Häntzschel | Süddeutsche Zeitung - Kultur

Die Landschaftspanoramen von Elmar Haardt wirken wie Gemälde. Denn bei der Arbeit benutzt er nicht nur seine Großformatkamera, sondern auch Photoshop.

Wenn das Labor eines der Großpanoramen des Fotografen Elmar Haardt fertiggestellt hat, muss es immer eigens einen Lkw zu dessen Münchner Atelier schicken. Bei Formaten von zwei mal zweieinhalb Metern lassen sie sich anders nicht transportieren. Die Fotografien sind nicht nur groß, sie fordern auch viel Zeit. Neulich war Haardt fünf Tage in Los Angeles, um ein einziges Bild zu machen. Sieht man ihn mit seiner riesigen 8 x 10-Zoll-Kamera hantieren, scheint er der Pleinair-Malerei des 19. Jahrhunderts näherzustehen als der Fotografie von 2017. Dabei geschieht ein Großteil seiner Arbeit vor dem Computer. Für jedes Motiv nimmt Haardt viele Einzelbilder wie die oben gezeigten auf, deren Ausschnitte sich überlappen. Aus den Scans der Negative "näht" er dann mit Photoshop das finale Bild zusammen. 

Denn selbst die riesigen Negative der Plattenkamera können nicht alle Bildpartien scharf darstellen. Weitwinkelobjektive würden die Dimensionen verzerren. Indem Elmar Haardt mehrere analoge Einzelbilder zu einem großen digitalen zusammensetzt, kombiniert er die Vorteile beider Technologien: Das je ne sais quoi der alten Film-Fotografie und eine Präzision, die mit analogen Mitteln nicht möglich ist. Diese Kombination macht Haardts Panoramen so überwältigend wie irritierend. Ihre Präsenz übersteigt, was wir von Bildern gewöhnt sind. Andererseits spricht aus ihnen eine merkwürdige Ruhe. Es ist, als sähe man ihnen an, dass sie mehr Zeit enthalten als eine einzige Aufnahme. 

Das lässt Bilder wie diesen Blick auf das schweizerische Andermatt an Landschaftsmalerei erinnern. Doch inmitten der Naturschönheit zeichnet es in aller Schärfe auch menschliche Eingriffe nach: Skipisten, Lawinenschutz, Kasernen und die Asphaltstränge, die die Straßen über Gotthard- und Furkapass hinterlassen haben. Vorne sind die neuen Hotels zu sehen, mit denen ein Investor Andermatt in ein neues St. Moritz verwandeln will. Nur den Protesten der Bevölkerung ist es übrigens zu verdanken, dass der Ort noch existiert. Zweimal, 1920 und 1946, plante man, ihn in einem Stausee zu versenken.

( Print am 22.4.2017 und Online am 21.4.2017: http://www.sueddeutsche.de/kultur/grossformat-mehr-als-das-auge-sieht-1.3472960 )

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Ausstellung "Topographien der Durchfahrt II"
Jarmuschek + Partner | Jan./Feb. 2012

Ein Laster am Waldrand, eine Straße ins Nichts, die Überreste einer Tankstelle, ein Lieferwagen auf einem leeren Parkplatz – die Fotografien von Elmar Haardt (geb. 1974) zeigen Landschaften, die in ihrem Darstellungsmodus zwischen ästhetischer Schönheit und unbehaglicher Leere changieren. Die Ansichten von Parkplätzen, Supermärkten, Siedlungsbauten, Straßen und Häusern – aufgenommen größtenteils in den USA, aber auch in Italien und Deutschland – stehen in einem latenten Spannungsverhältnis: Sie präsentieren erhaben anmutende Panoramen, deren gefühlte Weite jedoch durch die Kargheit der Landschaften und ihrer örtlichen Unbestimmtheit unterwandert wird. Die Fotografien unspektakulärer, geradezu ergreifend banaler Umgebungen provozieren eine unerwartete Begegnung mit der Ortlosigkeit durchplanter Infrastrukturen. 

Die Ausstellung „Topografien der Durchfahrt II“ ist die zweite Einzelausstellung von Elmar Haardt in der Galerie Jarmuschek + Partner und zeigt neben einer Auswahl aus den Serien „Bondeno“ (Italien, 2009/2010) und „Manchmal kann man die Berge sehen“ (München, 2010/2011) erstmalig Haardts neueste Arbeiten, die 2011 in den nördlichen Bundesstaaten der USA (Pennsylvania, North und South Dakota, Montana, Washington sowie Nevada) entstanden sind.

Die Landschaften, die der Künstler im analogen Großformat festhält, sind vom Menschen angelegt und geprägt – und doch fehlt es dem abgebildeten Raum an Bewohntheit. Innerhalb der Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen der Wirklichkeit und ihrer fotografischen Repräsentation fragt Haardt nach den an Landschaft und urbanem Raum ablesbaren gesellschaftlichen Verhältnissen. Das Landschaftsbild dient hier nicht vorrangig der dokumentarischen Aufzeichnung, sondern wird vielmehr zu einem übergeordneten, atmosphärisch verdichteten Sinnbild einer wahrgenommenen Gesamtsituation. Für seine Aufnahmen reist der Künstler an verschiedenste Orte und durchfährt die unterschiedlichsten Landschaften. Die einzelnen Umgebungen mögen eigene lokale Charakteristika beinhalten, die motivübergreifende Leere und die daraus evozierte Ortlosigkeit – die Ambivalenz zwischen Schönheit und Unbehaglichkeit – sind jedoch das verbindende Element und zentrale Thema der Arbeiten.

Ulrike Westphal

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