Troels Carlsen
Man You All
1. Mai – 6. Juni 2010
Troels Carlsen
Man You All
Der dänische Künstler Troels Carlsen arbeitet mit der Präzision des 19. Jahrhunderts in allen Medien des 21. Jahrhunderts, ohne dass es je vordergründig wirken würde. Viele seiner Installationen baut er aus naturgetreu imitierten Tieren mit Glasaugen und Fell, mit Vorliebe verwendet er dabei Affen aufgrund ihrer detaillierten, menschenportraitähnlichen Mimik. Hinter seiner Motivwahl steckt eine fast schon morbide zu nennende Faszination für Naturkunde, für konservierte Tiere und Insekten, die Carlsen in ihrer ausgestopften Form weitaus mehr zu interessieren scheinen als zu ihren Lebzeiten und für seltsame Artefakte im Allgemeinen.
Dabei sieht er das Tier als „Gleichnis der schönen Kreatur auf der Suche nach der Wahrheit“, den Menschen hingegen als „simpel gestrickte, feige Existenz“. In „Man You All“ (der Titel ist ein sprachliches Spiel mit dem englischen Begriff „manual“, von Hand geschaffen) legt er seinen Schwerpunkt auf Papierarbeiten. Carlsen arbeitet auf antiquarischen Buchseiten aus dem Bereich Anatomie und Biologie und überzeichnet die Motive mit seinen eigenen Ansichten. Mit der naturwissenschaftlichen Zeichnung als physischem Fundament geht Carlsen durch Aufsetzen seiner eigenen Szenarien über die erste Ebene hinaus, sieht seine zugefügte Zeichnung als Öffnung in eine weitere Ebene, und verstrickt uns in neue Welten von Natur und Anatomie, Naturgeschichte und Fabelwesen. Troels Carlsen wählt mit den antiquarischen Blättern als Basis seiner Arbeit ein Zeugnis aus Jahrhunderten, in denen der Mensch als unbedingte Krone der Schöpfung glaubte, durch reine Wissenschaft die Natur lenken, Lebewesen zu erschaffen und Tiere vermenschlichen zu können, Carlsen hält mit seinen Arbeiten subversiv dagegen und düpiert auf seine Art den naiv-aufklärerisch motivierten Wissenschaftsglauben vergangener Jahrhunderte.
Erinnerungen an Kolonialzeiten werden wach, an den Glauben und die Überzeugung früheren Naturforschertums. So wie man diesen Wissenschaftsglauben künstlerisch nennen mag, so geht auch Carlsens Arbeit nahtlos in fiktive Wissenschaften über. Immer wiederkehrendes Thema ist die Diskriminierung und Ausbeutung von Tieren durch den selbstverständlich und arrogant vorausgesetzten Vorrang der Spezies Mensch. Im Stil seiner Zeichnungen nimmt Carlsen deutlich und bewusst Anleihen aus der Zeit der Romantik auf und setzt damit sein Konzept des Weiterspinnens dieser Hochphase der kunstvollen Tiervermenschlichung konsequent fort.
Carlsens Arbeit ist nicht nur physisch aus unterschiedlichen bildnerischen Lagen aufgebaut, sondern besteht auch in ihrer anthroposophischen und quasi-wissenschaftlichen Natur aus mehreren Ebenen. Das Themenfeld reicht von alptraumhaften Szenarien, die uns an Frankensteins Versuchslabor gemahnen, und von wild fabulierenden Verwirrungen einer Alice im Wunderland bis zu fatalen Erkenntnissen aus gruseligen, ohnmächtigen Momenten, bis hin zu Naturszenen von atemberaubender Schönheit. Für Troels Carlsen ist es der eigene Beitrag zur ewig quälenden Frage nach dem Sinn unserer Existenz.
Troels Carlsen (Jahrg. 1973) hat mit seinem beachtlichen Oeuvre eine Art Brehms Tierleben der zeitgenössischen Kunst geschaffen. Seine Arbeiten wurden in New York, London, Tokio oder Basel präsentiert, um nur einige zu nennen, und sind Teil internationaler Sammlungen (z.B. David Fleiss, Leif Djurhuus, NovoNordisk). Die Galerie Jarmuschek + Partner freut sich sehr, seine erste Einzelausstellung in Deutschland präsentieren zu können.
