Tagesspiegel - 11. April 2009
Wundertüte: Thea Herold sieht Kunstwerken beim Waschen zu.
Skulpturen von Sophie Schmidt sind ein wunderbarer Beweis dafür, dass es Kunst gibt, die wächst. Nun hängt, ob wir etwas für groß oder klein halten, von unseren Sehgewohnheiten ab.Wenn es zum Beispiel um das Metermaß einer Schneiderin geht, vermutet man erfahrungsgemäß ein handliches Werkzeug. Eine Mülltüte lässt sich mit einer Hand tragen, und für eine Sporttasche reicht eine Schulter. Wenn nun aber die 1969 geborene Künstlerin diese drei Alltagsdinge in Papier nachempfindet (1500–7500 Euro), sie mit Achtsamkeit für jedes Detail in skulpturale Objekte verwandelt, dann multipliziert sie die Dimensionen in vieler Hinsicht. Ihre Sporttasche lässt sich jetzt als Minicontainer oder Riesenbox beschreiben; je nachdem reicht sie faktisch vom Boden bis zur Taille. Das Maßband hat seine Größe sogar versechzehnfacht und windet sich ebenso monumental wie graziös durch den Raum der Galerie Jarmuscheck & Partner (Invalidenstraße 50/51, Halle am Wasser, bis 25. April). Und die bombastische Mülltüte in der Ecke wirkt wie aus der Besenkammer eines Riesen entlehnt. Das städtische Utensil aus Bern fasst als Original 17 Liter. Dagegen passt in die Kunsttüte von Sophie Schmidt, auf die Außenhaut dieser prächtig aufgeblasene Papierversion, ein ganzer marmorierter Nachthimmel, der sich über die Silhouette von Bern spannt. Wie hier eine witzige Form von moderner Landschaftsmalerei erfunden wird, das ist klasse! Auch in ihrer dritten Einzelausstellung ist die Künstlerin weiter frech, frisch und überraschend. Dabei kommt alles, was sie uns vorstellt, im Grunde täglich vor unsere Augen. Wir sehen es nur nie – nie so.
