Martin Noll – Wolken und Köpfe
Ein Frauen-Kopf, darüber rote Wolken. Was haben Wolken und Köpfe miteinander zu tun? Auch wenn die Zeichen vor dem selben Hintergrund stehen, gibt es auf den ersten Blick keinen inhaltlichen Zusammenhang. Zu Nolls Verfahren gehört das willkürliche Aneinanderreihen dieser Elemente und deren Einbettung in freie Kombinationsformen, wie sie bei Memory-Kärtchen, Dominosteinen oder Spielkarten zu finden sind.
Die Untergründe seiner Bilder Nolls ließen sich wie hauchdünne Pergamente durchscheinender Farbschichten allein schon als Palimpsest verstehen. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Übertragung der Elemente im Verfahren des anastatischen Umdrucks. Die gemalten Hintergründe zeigen eine Art Patina. Ein anderes Mal wählt Noll ein eierschalenfarbenes Karo-Muster, das an abgeplatzte Kacheln erinnert.
Auf diesen Bildoberflächen wirken die Elemente wie Lesbarkeit vorgebende Buchstaben aufgestempelt. Nolls Grundüberzeugung ist, daß man von allem schon ein Bild im Kopf hat, bevor man etwas erkennt. Verblüffend wenig Linie ist nötig, um mitzuteilen, daß es sich um eine Trend-Frisur im Stil der 50er Jahre handelt oder um eine spezifische Wolkenformation bestimmter Regenwahrscheinlichkeit.
Muß man dann noch wissen, daß die weiblichen Köpfe auf Nolls neuen Bildern aus einem italienischen Konversationslexikon stammen? Läßt sich die kaum vorhandene Physiognomie eines solchen Kopfes als Bestätigung seines Charmes lesen? Gibt es eine morphologische Verwandtschaft von Frisur und Wolkenformation? Die Ordnung des sinnfreien Nebeneinanders muß nicht abgründig sein, um zu stimmen.
Die Kunstgeschichte erklärt Wolken in der Malerei oft als Modell für Freiheit, Sehnsucht, Phantasie, Veränderung versprechende Natur. Zwischen Leonardo und Dahl, Debussy und Wetterbericht zeigen sie sich stets als Projektionsfläche ins Blaue hinein.
Stefan Trinks
Martin Noll – Die X Erfindungen der Malerei
I. Die Erfindung des Menschen
Das erste Bild des Menschen ist erfunden: Die in Farbe getauchten Hände hinterlassen ihren Abdruck auf der Höhlenwand. Der Mensch erkennt sich selbst in seiner Malerei wie in einem Spiegel. Er drückt zugleich der Höhlenwand seinen Stempel auf. Von nun an wird er alles in der Natur umformen. Das erste Bild ist flächig; Plastizität verleiht ihm der bewegte Untergrund.
II. Die Erfindung des Schattens
Im Schein der Fackel wirft der Urmensch einen Schatten an die Höhlenwand, der ihm Kontur gibt. Das Licht selbst gebiert damit seine Negation, den Schatten. Dieser ist wie in der Geschichte von Peter Schlemihl der treueste Begleiter des Menschen und der Sitz seiner Seele. Von Anbeginn an sind Schatten und Malerei unzertrennlich. Diese Ursymbiose lebt fort in dem von Plinius überlieferten Gründungsmythos der „Erfindung der Malerei“: Die Tochter des Töpfers Butades bannt die Silhouette des in den Krieg ziehenden Geliebten im Kerzenschein an die Wand. Sie schafft sich ein Ab-Bild nur aus Kontur, das aber die gesamte Person einschließlich ihrer Seele beinhaltet.
III. Die Erfindung der Religion
Bilder wollen verehrt werden; daher erfinden sie die Religion. Für den ewige Anbetung garantierenden Alleinvertretungsanspruch einer Religion lassen sich die Bilder sogar kanonisieren, denn es kann nur ein gültiges Bild des Gottes geben. Dieses Urbild ist nicht nach der ungeordneten Natur genommen, sondern ein Abdruck des Ewigen und damit selbst heilig. Es ist reguliert, stilisiert, besteht aus Linien auf Fläche. Dieses einmal festgelegte Urbild und Schema allein darf als Schemen mit Assoziation gefüllt werden. In Jahrhunderten wurzelt der Kult in die Menschen den festen Glauben ein, daß jedes Ab-Bild vom heiligen Ur-Bild ebenfalls heilig ist. Jeder Kontakt mit dem Heiligen schafft neues Heiliges. Noll ist somit ein moderner Reliquienhändler: Jedes klischierte Zeichen und Abbild ist für ihn so heilig wie das Urbild. Mit dem Unterschied, daß die säkularisierten und dadurch leergeräumten Schemen mit Assoziation neu angefüllt werden können.
IV. Die Erfindung des Eros
Ohne die Malerei wäre der Mensch längst ausgestorben. Fortpflanzung ohne erotische Bilder ist so langweilig, daß dem Menschen die Lust sehr bald vergangen wäre. Er macht sich ein Bild vom Anderen und liebt dies. Der Mensch überträgt dabei getreulich, was er vom Kult gelernt hat: Das Bild darf nicht nach der Natur sein, sondern wird stilisiert und idealisiert. Die leere Hülle füllt er mit dem, was ihm fehlt. In den schillerndsten Farben malt sich der Mensch alle Arten von Sünde aus. Die Verkörperung der Sünde selbst bleibt deshalb als Schlange ohne feste Form. V. Die Erfindung der Abstraktion Ein Bild wird durch das Hirn erst schön. Kopfstehend auf der Netzhaut gelandet, muß der grau-gewundene „Photoshop“ namens Gehirn das Bild zuerst umrechnen. Es wird in den Farbwerten verbessert und nachgeschärft, mit gespeicherten Bildern verglichen und selektiert. In einer Schlammpfütze, in Wolken, in scheinbar chaotischen Mustern entdeckt das Gehirn eine ihm vertrauten Form. Alles andere wird ausgeblendet, die Form fokussiert. Die einfachste Form der Abstraktion ist die Umkehrung der Welt. Anstelle des bodenständigen „Auf-die-Beine-stellen“ geht es bei der Abstrahierung darum, die Welt auf den Kopf zu stellen, um das Geistige und Wesentliche herauszuarbeiten.
VI. Die Erfindung des Werkzeugs
Ähnlich wie sich Priester als Verwalter des Kultes sehr früh in einer Kaste zusammenschließen, die sich durch Ausbildung, Gewandung und Gerätschaft abgrenzt, verfahren die Künstler. Sie inszenieren sich als Priester der Kunst. Dazu gehört ein bei dem rituellen Farbopfer heftig besflecktes Gewand, die Staffelei als Altar und die auf den Keilrahmen gespannte Leinwand – ein liturgisches Tuch – als Opfer und zu opferndes Kultobjekt in Einem. Ursprünglich nur als Instrument, d.h. als Verlängerung und Verfeinerung der eigenen Hand und Finger erfunden, ist der Pinsel gleichsam das Attribut des Malers. [Der Evangelist Lukas zeigt als Patron der Maler diese Verschmelzung von sakraler und handwerklicher Sphäre: Beim Malen der Madonna mit dem Kind wird er zugleich als Evangelistenpriester und als Maler mit allen Attributen gezeigt.] Die Farbe aber ist das Herzblut, das vom Maler vergossen wird. [Wie in einem uneinsehbaren Prozeß Wein in der Transsubstantiation zu Blut wird, so wird Farbe zu Form. Wie nur wenige Maler vereint und verschmilzt Noll „colore“ und „disegno“, die Farbe des gemalten Grundes mit der klaren Idee.]
VII. Die Erfindung der Reproduktion
Lange bevor die Funktionsweise von Auge und Gehirn wissenschaftlich erforscht war, bauten die Maler mit der Camera Obscura ein künstliches Auge. In dieser Vorgängerin aller Photo- und Vervielfältigungsapparate, malt das Licht selbst ein kopfstehendes Schattenbild der Welt, das der Maler als wahres Urbild reproduziert. Jeden Tag schlagen wir die Zeitung auf und sind fest überzeugt, daß dieses in und von Photo- und Belichtungsmaschinen erzeugte Schwarz-Weiß-Schattenbild das glaubwürdige Abbild der Realität ist. [Einem farbigen Bild in der Zeitung wird mißtraut.] Je höher die Auflage des reproduzierten Bildes, desto wahrer und unumstößlicher wird es. Che Guevara muß genau so aussehen, wie ihn die millionenfach reproduzierte Ikone zeigt. [Reproduktion und Malerei allerdings scheinen unvereinbar. Zu fest ist in den Köpfen der Glaube an das gemalte Original verankert. Bei Noll indes ist jedes Ab-Bild wieder Original. Die Rede vom Auraverlust reproduzierter Bilder ist immer falsch, bei ihm aber grundsätzlich.]
VIII. Die Erfindung des Ornaments
Wie bei dem genialen ungarischen Mathematiker Erdös Primzahlenmuster zu einem malerischen Ornament in der Fläche werden, bilden algorithmisch klare Fibonacci-Reihen die Schönheit der Natur ab: Die Blütenblätter jeder Sonnenblume sind nach dieser Zahlenordnung aufgebaut. Wie Leonardo Fibonacci, der Zahlen-Künstler des 12.Jahrhunderts aus Pisa, der künstlerischen Natur ihre Muster durch genaue Beobachtung abgeschaut hat, ahmen auch alle Ornamente Formen und Bewegungen der Natur nach: ein Fluß, der durch griechische Täler mäandert; ein Hund, der läuft; das Sonnenrad, das sich nach links oder rechts dreht.
IX. Die Erfindung der Technik
Technik ist Kunst. „Techne“ meint die Gesamtheit der Kunstgriffe und Kunstfertigkeiten, die zur richtigen Ausübung einer Sache notwendig sind und naturwissenschaftliche Erkenntnisse praktisch nutzbar machen. Seit jeher hat der Mensch das weiche Fleisch durch Metallhüllen zu schützen versucht, den hinfälligen Körper in dauerhaften Materialien nachgebaut. Demiurgisch schafft er technisches Gerät nach seinem Bilde: Die Front des Automobils trägt mit leuchtenden Augen, chromblitzenden Zahnreihen im Kühlermund und der wohlgeformten Blech-Nase unverkennbar seine Züge, ebenso der Fernseher, das Radio, der Computer-Monitor, der ihm fragend sein leeres Gesicht entgegenreckt.
X. Die Erfindung des Himmels
Die Sehnsucht indes hat im Kopf keinen Platz und flieht ans Firmament. Als Himmel-Reiche werden die Horizonte zur Projektionsfläche uneingeschränkter Phantasie, als Wolkenfetzen zum Austragungsort innerer Seelenzustände oder Spiegelfläche irdischer Zustände. In Zeiten widriger äußerer Umstände und Restriktion wird der Anteil und die Bedeutung des Himmels auf Bildern stets größer, oft sogar bildfüllend. Angefangen von Darstellungen des Himmels im Mittelalter als gleißender Goldgrund über unheildräuende niederländische Himmelsstücke und nach oben offene barocke Himmelreiche bis in die Jetztzeit angereichert mit abstürzenden Ikari sind sie „sprechende Natur“. Noll formt Kissen plastischen Wolkenmarmors wie Bernini unter Ludwig XIV. Die Unendlichkeit der Erscheinungen der Welt aber zeigt sich nirgends so deutlich wie in seinen Wolkenbilder.
Stefan Trinks
Martin Noll - Der Traum von der Lesbarkeit der Welt
Ein Stuhl und eine Wolke, ein Megafon und eine Kerze, ein Fotoapparat und eine Treppe, ein Hirsch, ein Diagramm und Laubbäume. Scheinbar willkürlich kombiniert der Berliner Künstler Martin Noll disparate Gegenstände, stellt sie frei auf malerisch gestalteten Untergründen, in der Größe gleich und auf das Wesentliche ihrer Erscheinung reduziert, manchmal sogar nur als dunkle Schablone im Umriß erkennbar. Kein Wort, keine Schrift erklärt, öffnet irgend einen Sinnbezug. Die nüchtern-sachliche Präsentation der lexikalischen Reihung bildet einen reizvollen Kontrast zum reichen, expressiv strukturierten Untergrund, auf dem die reduktionistischen Gegenstände zu schweben scheinen. Der Künstler bedient sich verschiedener Druck- und Maltechniken, die er gattungsübergreifend verwendet - er druckt also auf Malerei oder malt auf Druck -, um die Künstlichkeit menschlicher Artefakte mit der vielfältig wuchernden Natürlichkeit des Untergrundes zu konfrontieren. Was nicht zusammenpaßt, wird zusammen präsentiert und löst beim Betrachter zwangsläufig eine Sinnsuche aus. Formanalogien werden befragt, ebenso inhaltliche Zusammenhänge überprüft. Manchmal wird man fündig, manchmal nicht. Willkürlich scheint der Künstler hier vorgegangen zu sein, doch dabei regiert strengste Logik seine Bilder. Nach mathematischen Reihen entwickelt Martin Noll einen „Katalog der Möglichkeiten“ der Auswahl und Anordnung der Dinge bestimmt. Möglichst wenig eingreifen will der Künstler durch seine Tätigkeit, da für ihn alle Dinge gleichwertig sind. „Elemente“ nennt er sie auch folgerichtig, ein Begriff der ebenso wie die logischen Reihen der Welt der Mathematik und der Naturwissenschaft entlehnt ist. Willkür lehnt er ab, denn die Natur, so der Künstler, ist nicht willkürlich sondern folgt streng logischen Gesetzen. Logische Reihen sind in all ihren Bauplänen enthalten, so auch im jüngst entschlüsselten Genom. Doch was passiert, wenn man die Buchstaben oder Zahlen durch Bilder ersetzt? Bilder folgen ihren eigenen Gesetzen, nicht denen der Zahlen. Querverweise ergeben sich, Sinnbezüge und Formanalogien, die außerhalb logischer Begrifflichkeit stehen. Martin Noll untersucht mit seinen Bildern diesen Grenzbereich, die Zusammenhänge bzw. Unterschiede zwischen logisch-abstrakter, sprachlicher und bildlicher Begriffbildung, und stellt damit den Traum von der Lesbarkeit der Welt, von endgültiger Entschlüsselbarkeit, in frage.
Credo
Ich arbeite mit klaren, einfachen Darstellungen, meist konkreter Gegenstände. Mich reizt daran nicht so sehr die Suche nach Symbolik, sondern vielmehr das unvermittelte Erkennen und die Fülle der Assoziationen, die sich durch die Konfrontation der verschiedenen Elemente ergeben. Diese Gegenstände sind als Zeichen bzw. Elemente direkt zu verstehen: Eine Welle steht für eine Welle, ein Stuhl für einen Stuhl usw.. Die Darstellung eines Gegenstandes verweist zunächst einmal auf den Gegenstand selbst und sodann auf alles, was wir mit dem Gegenstand in Verbindung bringen. Die Gegenüberstellung zweier oder mehrerer Gegenstände schafft Spannungen, die viele Gedanken und Dialoge entstehen lassen.
Martin Noll
