Hinter dem Vorhang versteckt sich die Kunst
„Dont’t touch!“ - Bitte nicht berühren – prangt über dem Eingang zur Galerie im Bürgerhaus Neunkirchen. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit in musealen Räumen. Doch wenn man die aktuelle Ausstellung von Markus Weis mit den fotorealistischen Gemälden betrachtet, auf denen vieles vertraut wirkt, dann wird der Spruch schnell verständlich: Er ist als ironische Warnung gedacht.
DIE RHEINPFALZ, 11. November 2008
von Stefan Folz
Viele der Bilder des in Berlin lebenden Malers Markus Weis wirken so realistisch, dass man wirklich gerne zugreifen würde. Fast reflexartig eigentlich, denn die Malereien zeigen Fenster mit wallenden Vorhängen, die man zuziehen möchte, Raumecken mit gemasertem Parkettboden, Zimmer mit einzelnen Möbelstücken. Weis‘ Gemälde könnten durchaus im heimischen Wohnzimmer entstanden sin, doch sie sind reine Kunstprodukte, die auf die Wirkung der Malerei aufmerksam machen. Zugleich verbindet Weis damit auf verblüffende Weise zwei klassische Genres der Malerei. Das eine Genre ist das Stillleben, das andere die Landschaftsmalerei. Doch statt Blumen, Obst oder ähnliche Motive zeigt Weis unscheinbare Einrichtungsgegenstände, die sich in jeder Wohnung so ganz nebenbei finden lassen. Vorhänge, Stehlampen, eine Stuhllehne, über die scheinbar zufällig eine Stoffbahn drapiert wurde. Von der Landschaftsmalerei bleiben meist nur Rudimente. Denn die Landschaft ist aus dem Fensterblick gesehen, nur angedeutet durch sparsamen Pflanzenbewuchs. Trotz der minimalistischen Motivauswahl glaubt man, ein perfektes Abbild der Wirklichkeit vor sich zu haben. Das liegt natürlich zum einen in der fotorealistischen Malweise des 1965 in Koblenz geborenen Künstlers, der schon häufiger in Mainz und auch in Neustadt seine Arbeiten in Ausstellungen präsentierte. Zum anderen aber auch in der geschickten Auswahl der Bildelemente, die sich im Kopf des Betrachters zu deutlich komplexeren Szenarien zusammensetzen. So sind es weniger die porträtierten Dinge, welche die Neunkircher Bilder so spannend machen, sondern vielmehr die Perspektive, aus der sie dargestellt werden. Sie scheint tatsächlich so zu sein, wie man sie als Betrachter der Motivvorbilder sehen kann. Doch gibt es diese kühlen, nüchternen Räume wirklich? Sind sie Abbild einer erlebbaren Realität? Das ist kaum anzunehmen, denn Markus Weis konstruiert seine Bilder, setzt sie aus Versatzstücken zusammen. Trotzdem glaubt man, die aufwändig gestalteten Stoffe und die feinen Holzmaserungen zu kennen, fühlt sich an die eigene Wohnung erinnert, in die man sich zurückziehen kann und Schutz vor den Unbilden der Welt findet. Es entsteht also eine schöne Illusion, die ein bisschen auch an die Bühnenmalerei erinnert, bei der man einst ganze Landschaften und Stadtansichten im Theater entstehen ließ. Und ähnlich wie im Theater leben die Malereien von den Vermutungen des Betrachters. Denn der Künstler bietet die Kulisse, die andere mit Leben füllen müssen. Wer wohnt in diesen Räumen, die weit mehr noch Fantasiewelten als reale Orte sind? Ist es ein Morgen oder ein Nachmittag, dessen Licht den Schattenwurf der Stofffalten ermöglicht? Oder scheint gar die Sonne drauf? Bis auf ein Bild der Ausstellung fehlen die Menschen als Motiv des Malers. Und auf diesem einen Bild sieht man eine Frau von hinten, ohne Gesicht. Trotzdem wirken die Szenarien zwar still, aber keineswegs ausgestorben. Leer, aber nicht unbelebt. Es ist so, als könnte jede Minute jemand das Zimmer betreten. Oder, als hätte jemand gerade den Raum verlassen. Die spannenden Ideen der Werke werden ergänzt durch handwerkliche Perfektion. Akribisch versteht es Markus Weis, Farbe zu filigranen Strukturen zu verarbeiten. So filigran, dass selbst das Alter der Stoffe abschätzbar zu sein scheint. Die Abbildungsgenauigkeit der Arbeiten von Markus Weis nähert sich der Fotografie und doch sind die Malereien weit von der reinen Abbildung entfernt. Sie besitzen Seele und Ausstrahlungskraft, sind kein Abbild eines einzelnen Moments, sondern vereinen die Qualitäten der Zeit in sich. Das gehört zum Lebendigsein dazu, zum langsamen Prozess der Veränderung, den man wahrzunehmen glaubt. Auch das ist natürlich eine Illusion, aber eine, die es in sich hat.
AUSSTELLUNG: Markus Weis: „Don’t touch“ – Malerei; Städtische Galerie im Bürgerhaus Neunkirchen, Marienstraße 2, bis 23. November 2008
Wenn der letzte Vorhang fällt
Markus Weis' Ausstellung „Don't touch“ in Neunkirchen.
Saarbrücker Zeitung, 25.10.2008
Der schwere, kardinalrote Vorhang aus dicht gewebtem Stoff ist zum Greifen nah. Mit seiner stofflichen Präsenz nimmt er fast die gesamte Bildfläche ein. Nur eine schmale Öffnung gibt den Blick auf ein Dahinter frei. Dort breitet sich eine tiefe Dunkelheit aus, die eben diesen Vorhang zur stillen Hauptfigur des Bildes macht. Mit seiner malerischen Raffinesse und dem subtilen Kolorit fasziniert dieses Stillleben von Markus Weis ebenso wie all seine anderen in der Städtischen Galerie Neunkirchen gezeigten Werke. Da passt es, dass der 1965 in Koblenz geborene, jetzt in Berlin lebende Künstler in den Niederlanden studierte. Denn es war in Holland und Flandern, wo das Stillleben in der Zeit des Barock seine reichste Ausprägung erfuhr. An dessen möglichst perfekte Nachahmung des Realen knüpft Weis an. Doch er spielt mit der Wahrnehmung, indem er seine plastisch und stofflich subtil ausgearbeiteten, vom Rahmen überschnittenen Vorhänge und Schals gegen uniforme, flächige Gründe setzt. Wenn er im Stoff selbst lineare Elemente hervorhebt, unterstreicht dies umso mehr das Gegenspiel von Raum und Fläche, von fühlbarer Sinnlichkeit und distanzierter Nüchternheit. Dabei strahlt das leere Grau der Bildgründe tiefe Ruhe aus. Wenn aber Weis auf alle Buntfarben verzichtet und nur mit Grautönen arbeitet, breitet sich Endzeitstimmung aus. Der Vorhang scheint zum letzten Akt gefallen, das im Stillen sinnlich erlebbare Schauspiel zu Ende. qb
Markus Weis' Ausstellung "ICH SEHE DICH AN"
in der fiftyfifty Galerie Düsseldorf
Rheinische Post 26.09.2008
Die fiftyfifty-Galerie präsentiert ab heute die Ausstellung ICH SEHE DICH AN von Markus Weis. Der 43jährige Maler, der in Arnheim, Rom und Gießen studiert hat, gilt als großes Talent der Gegenwartskunst. Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter ein Arbeitsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Europapreis für Malerei des Museums der Künste von Oostende und das Auslandsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Weis gestaltet seine Gemälde mit großer technischer Perfektion, kombiniert und kontrastiert barocke Sinnlichkeit, beeinflusst durch die altniederländische Malerei, und nüchternes Sujet. Die Weis-Ausstellung in der fiftyfifty-Galerie, die aufgrund des großen Interesses an dem Künstler verkürzt werden musste, verspricht den Besuchern eine Besonderheit: Für das Hauptbild der Schau hat der Künstler erstmals einen Menschen gemalt, ein Mädchen von hinten.
