Jan Vormann

Das Beste aus aller Welt - Süddeutsche Zeitung Magazin - Heft 30/2010

Wie kommt der Knick über Nacht in den Fahrradreifen? Das Loch in die Plastiktüte? Der Rchtscheribfehler in den Text? Axel Hacke gibt Antwort.

Wie die Dinge liegen, glaube ich allmählich, dass in der Mitte unserer menschlichen Gemeinschaft geheimnisvolle Zerstörungsgeister existieren, Wesen, welche die Dinge kaputt machen, derer wir im täglichen Leben bedürfen.
Wie ist es sonst möglich, dass meine Kaffeemaschine, die in den ersten Wochen ihrer Existenz Morgen für Morgen tadellosen Milchschaum lieferte, plötzlich nur noch heiße weiße Flüssigkeit hervorsprotzelt?

Warum befindet sich im Vorderrad meines Fahrrades, ohne dass ich ihm das Geringste getan oder auch nur irgendeinen verursachenden Vorfall beobachtet hätte, plötzlich ein schlimmer Knick, sodass es schwer eiert und kaum noch zu benutzen ist? Wieso ist von einem Tag auf den anderen mitten in der Straße, in der sich unsere Wohnung befindet, ein so tiefes Schlagloch, dass bei dessen Durchqueren mit dem Auto alle Rückenwirbel klackend aufeinanderschlagen?
Und sehen Sie, hier, dieser Text, gestern Abend habe ich ihn geschrieben und heute Morgen ist schon wieder ein Loch          drin, mitten im Satz! Wer war das?

Wer macht sich, wenn ich schlafe, an meinen Werken zu schaffen und schlägt Lücken hinein, da! schon wieder , wo ist die x-Taste, xxxxxxxx, ich muss die Löcher abdichten, wie der Installateur die Fugen mit Silikon schließt, aber schön sieht es nicht aus, ein neuer Text und schon geflickt, es ist zum Heulen.
Es muss da eine unbekannte, die Funktionsweise aller Dinge systematisch erodierende Kraft geben, düstere Anti-Heinzelmännchen, die nachts in
unserer Welt herumschleichen, Bleche verbiegen, Leitungen verstopfen, Verbindungen zerbrechen ...

Gerade als ich dies denke, entdecke ich auf meiner Lieblings-Internetseite Riesenmaschine.de die Nachricht vom Projekt Free Repair des Schweizers Roland Roos. Dieser Roos ist, wie man auch auf seiner eigenen Seite rolandroos.net sehen kann, zwei Jahre lang durch Europa gereist und hat Kaputtes repariert. Eine zerschlagene Toilettentür in Bratislava, eine defekte Parkbank in Berlin, der aus dem Boden gerissene Poller auf einem Bürgersteig in Brüssel, verbogene Dachrinnen in Oslo - Roos sah diese Dinge, fotografierte sie, reparierte
alles über Nacht fachmännisch, einwandfrei und makellos, fotografierte wieder und ging seiner Wege, honorarfrei, keinen Dank erwartend.

Ein verwandtes Projekt hat der Künstler Jan Vormann in Metropolen wie Tel Aviv, Bocchignano und Berlin, auch in Amsterdam verfolgt: Er hat überall an öffentlichen Bauten, Denkmälern, Wänden, wo der Stein bröselte und das Mauerwerk herausgebrochen war, die entstandenen Lücken mit Legosteinen ausgebessert, was gegenüber jedem anderen Werkstoff den Vorteil hat, dass die entstandenen Brüche einerseits geschlossen werden, andererseits sichtbar bleiben, wo-von in jeder Hinsicht natürlich auch die Firma Lego profitiert. Aber was ist dagegen schon zu sagen?

Nichts. Denn das hier ist große Kunst, jedem sofort verständliche, ungeheuer moderne, den dunklen Mächten, diesen verborgenen, unverständlichen Zerstörungsgewalten sich entgegenstemmende, verehrungswürdige KUNST!
Warum gibt es nicht mehr davon? Warum unterstützt nicht der Staat, warum sponsorn (oder meinetwegen sponsern?) nicht große Unternehmen Reparierkünstler aller Art, die nachts in unserer Mitte unterwegs sind, um
unsere kaputte Welt wieder in Ordnung zu bringen?

Übrigens hat die Künstlergruppe Platform 21's vor einer Weile ein »Reparaturmanifest« veröffentlicht. In elf Punkten wird die Reparatur alles Defekten gefordert. Nichts soll mehr weggeworfen werden! Reparatur sei eine kreative Herausforderung, heißt es da, auch löchrige Plastiktüten könne man in Ordnung bringen. Dinge zu reparieren bedeute, sie zu entdecken - und auch: Repariertes ist immer ein Unikat! Das ist wahr. Selbst dieser einige hunderttausend Mal in gleicher Weise gedruckte Text wird einzigartig, wenn Sie die kauptten Wröter diran mit der Hand ripiririn - tun Sie's!

Axel Hacke

 

Der Gegenpart zum Mauerspecht - Financial Times Deutschland, 18.07.2010

von Frederik Fischer

Wir alle haben einmal mit Lego gespielt. Und alle irgendwann damit aufgehört. Jan Vormann spielt immer noch. Er repariert mit den bunten Steinen die Lücken in alten Mauern - und zeigt so auf die Wunden der Vergangenheit.

Neulich ist Jan Vormann wieder einmal erwischt worden. Er war wie so oft unterwegs, diesmal in Berlin, und machte sich an der Fassade des ehrwürdigen Hamburger Bahnhofs zu schaffen, des hauptstädtischen Museums für Gegenwartskunst. Allerdings war er noch nicht lange am Werk, als er auch schon gestört wurde und ein Wachmann um die Ecke bog. Für Vormann war damit die Aktion beendet, aber wo der gemeine Straßenkünstler aus Angst vor Anzeige, Gerichtsverfahren und Bußgeld die Beine in die Hand hätte nehmen müssen, grinste Vormann nur entschuldigend, nahm seine Steine wieder aus der Museumswand und ging in aller Ruhe davon. Weil er nichts beschädigt. Im Gegenteil, eigentlich repariert er. Nämlich Mauerlücken mit Lego-Steinen.

Dispatch-Worker, Zupflasterer, nennt sich der 27-Jährige, der schon auf der ganzen Welt löcherige Fassaden gepflastert hat. Vom ecuadorianischen Quito über New York bis hin zu Tel Aviv und Sankt Petersburg - in bislang 13 Städten gibt es Mauern, in denen seine bunten Pfropfen stecken. So viel Aufsehen hat Vormann mit seiner Straßenkunst erregt, dass ihn mittlerweile Lego kostenlos mit Steinen versorgt. Er weiß auch warum: "Das ist eindeutig Kunst", sagt er.

Den Grundstein für sein Pflasterprojekt legte er 2007 im italienischen Bocchignano. Als Student der Kunsthochschule Berlin-Weißensee wurde ausgewählt, an dem jährlich stattfindenden internationalen Kunstfestival 20 Eventi teilzunehmen. Dort waren es dann die vielen mittelalterlichen Ruinen, die den Lego-Baumeister in ihm weckten. "Häufig wurden diese alten Mauern mit simplen roten Ziegeln geflickt", sagt er. "Das hat überhaupt nicht zusammengepasst, aber den Leuten ist das nicht weiter aufgefallen. Ich wollte, das Bewusstsein schärfen für die Geschichte, für Vergänglichkeit der Gebäude, und die tägliche Routine der Leute durchbrechen". Wieder zu Hause in Berlin machte er dann weiter - mit dem Verstöpseln der Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg hatte er ja genug zu tun - und machte viele Passanten damit zum ersten Mal auf die Geschichte der Scharten in den Mauern aufmerksam. Nicht immer bleibt er bei seinen Aktionen allein: "Vor allem vorbeikommende Mütter fragen mich häufig ob ihre Kinder ,mitspielen' dürfen." Sie dürfen.

Allerdings ist Vormanns Kunst oft nicht von langer Dauer. Innerhalb weniger Stunden sind die meisten Mauerpflaster verschwunden, mitgenommen von Vorbeikommenden, die sich über die Lego-Steine in der Fassade wundern und zugreifen. "Man könnte die Sachen doch einfach abfotografieren und zu Hause nachbasteln", sagt Vormann, sieht aber darin auch den Beweis, dass er mit seinen Werken Aufmerksamkeit erregt.

Längst hat er sich auch in etablierten Kunstkreisen einen Namen gemacht. Allein in der ersten Jahreshälfte brachte er es mit seinen Lego-Installationen zu Ausstellungen in New York, Lausanne und Barcelona. Dabei ist er gerade erst mit seinem Studium fertig geworden. Am vergangenen Freitag hat er die letzte Prüfung gemeistert, mit 1,0. Er selbst ist aber geistig längst schon wieder mit seiner nächsten Reise beschäftigt. Nach Asien zieht es ihn - auch wenn er dort etwas aufpassen muss. "In Ländern wie China bin ich vorsichtiger und bastel meist an entlegeneren Plätzen. Da kann es schon eher mal zu Ärger kommen", sagt er. "Aber im Notfall lade ich die Polizisten einfach zum Basteln ein. Das hat bislang noch jeden milde gestimmt."

 

Giving city a 'lego' up - New York Post, 09.03.2010

Artist fixes cracks, toy brick by toy brick

By AMBER SUTHERLAND and JEREMY OLSHAN

The city's infrastructure is crumbling, and there are few funds for repairs, but one artist may have a solution: Legos.

Two weeks ago, German artist Jan Vormann and a team of volunteers began filling in cracks in city buildings with the plastic building blocks. The repairs across the city were done as part of Vormann's "Dispatchwork" project.

"The combination of stone bricks and plastic bricks creates all kind of different contrasts that, in my eyes, illuminate relationships between aesthetics and functionality," the artist said. Using the colorful blocks, Vormann has repaired centuries-old buildings in Europe, as well as the wall of a fast-food restaurant across from Penn Station. The Lego patches were designed to fit precisely into holes in the walls surrounding Bryant and Central parks, as well as building facades in Brooklyn and Manhattan. By yesterday, only the patch on the corner of 32nd Street and Seventh Avenue remained. The others had been removed. "I've never seen anything like that before. It's cool," said Anna Marciano, 20, admiring the 1-by-1-foot patch. "They should put more around the city." Vormann wrote on his Web site, "I went to New York City . . . to support Mayor Bloomberg in his everyday struggle to make this city even more amazing." It was unclear whether the city had any role in the removal of the Legos. A spokeswoman for Bloomberg declined to comment. Shopkeepers at a SoHo boutique where a patch had been placed said they were disappointed it had been removed. "I liked it. It's a nice public-art project," said Francesca Gentile, a saleswoman at Milan Luxury. "It was nice to have it in this neighborhood where everything is corporate. I wish it were still here." Only one block remained yesterday of a patch that had been fitted on a Central Park wall on the Upper East Side. Jackie Rubenstein, 31, said she couldn't believe she had walked by it for days without noticing. "That's a New York thing. There are random things all across the city, but we're so quick getting around that we tend not to notice them."

 

Mein Kunststück - Tagesspiegel 03.06.2009

Verarztete Architektur - André Weikard sucht in Mitte nach Legosteinen

Es surrt, brummt und quietscht, wenn man den Projektraum der Galerie Jarmuschek und Partner in der Sophienstrasse 18 betritt. In einem Käfig auf dem Fußboden zappelt ein eingesperrter Roboter, als wolle er die Kabel, über die er mit Strom versorgt wird, zernagen. An der Wand hängt ein Bilderrahmen, in den eine Wasserwaage eingelassen ist. Das Bild fehlt. Dafür bewegen sich die Sprossen einer Stehleiter wie bei einer Rolltreppe über Ketten nach oben. Sinnlose Innovationen, wie wir sie aus der Zahnbürstenreklame kennen? Überzogene Technisierung?

Eigentlich sind wir hier, um Legosteine zu sehen. Mit denen hat der Künstler Jan Vormann die baulichen Wunden der Stadt verarztet. Da wo Einschusslöcher waren oder Fassaden bröckelten, füllen jetzt kleine Steine die Lücken im Mauerwerk. „Nur einen Steinwurf entfernt" heißt die Installation in Berlin Mitte. In Rom und Tel Aviv war die Straßenkunst schon zu sehen, jetzt staunen die Berliner und Touristen. Im 20. Jahr des Mauerfalls und 70 Jahre nach Kriegsbeginn leisten die bunten Prothesen Wiedergutmachung an der geschundenen Architektur.