Harding Meyer

Harding Meyer, Künstler

Der Tagesspiegel, 16.11.2008

WAS ICH MAG

1. Beim Aufwachen: Meine Frau neben mir.

2. Zu Hause: Die wilden Tiere im Garten.

3. An Malerei: Einfache Mittel so zu verdichten, dass sie über das von ihnen Dargestellte hinausweisen.

4. An zeitgenössischer Kunst: Die Vielfalt.

5. An Kunstmessen: Sammler, die auch mit Künstlern und nicht nur mit Galeristen reden.

6. An Porträts: Dass sie in der Kunst nicht nur zur Identifizierung des Porträtierten dienen.

7. An Gesichtern: Punkt, Punkt, Komma, Strich...

8. An Deutschland: Das Brot.

9. An meinem Leben: Dass ich es zurzeit selbst bestimmen kann.

10. Ansonsten: Gerüche, die mich an meine Kindheit erinnern.

11. Ein Satz, den ich gerne öfter hören würde: „Malen Sie mich, wie sie wollen!“

WAS ICH NICHT MAG

1. Beim Aufwachen: Die holzsägenden Nachbarn.

2. Zu Hause: Unnötige Streitereien.

3. An Malerei: Wenn sie mir keinen zweiten Blick abverlangt.

4. An zeitgenössischer Kunst: Die unglaubliche Preistreiberei, die mitunter betrieben wird.

5. An Kunstmessen: Kunsthändler, die sich Galeristen schimpfen.

6. An Porträts: Wenn sie schlecht sind.

7. An Gesichtern: Solche, die mich hasserfüllt anschauen.

9. An Deutschland: Rechte Gesinnung, Spießbürger...

10. An meinem Leben: Dass es ein Ende hat.

11. Ansonsten: Intoleranz zwischen Menschen und Durchfall auf Reisen.

12. Ein Satz, den ich nie wieder hören möchte: „Guten Tag, Stefan Poser, Gerichtsvollzieher.“

Harding Meyer, 43, Maler, ist bekannt für seine Bilder merkwürdig deformierter Gesichter. Einige davon sind bis zum 20.12. in der Berliner Galerie Jarmuschek+Partner zu sehen.

 

Der Mensch im Überformat

Die Welt, 5. August 2006

Von Gerhard Charles Rump

Harding Meyers anonyme Porträts zeigen die Veränderung von Identität durch die Medien Herausgelöst aus alltäglichen Zusammenhängen - etwa den Talkshows im TV, aus denen sie stammen - durch eine von einem klaren Stilprinzip beherrschte Malerei bekommen die Gesichter, die Harding Meyer malt - und er malt beinahe ausschließlich Gesichter - eine ganz andere, eine neue, eine künstlerische Qualität. Das Stilprinzip Meyers setzt sich unter anderem zusammen aus der Ausschnitthaftigkeit auf der einen und der Monumentalisierung auf der anderen Seite. Hinzu kommt noch die präsente Figürlichkeit, die einen werkgenetisch bedingten, fotografisch geprägten Blickwinkel besitzt, aber sich phänotypisch ohne jeden Zweifel als Malerei vorstellt: mit eher breitem, fließenden Pinselstrich, oder in einem beinahe "aufgepixeltem" Stakkato. Meyers Gesichter sind Porträts real existierender Personen, aber die meisten seiner "Modelle" haben ihren Porträtisten nie gesehen. Harding Meyer vergrößert die Gesichter auf bedeutsame Überlebensgröße. Das Verhältnis von Überlebensgröße - Lebensgröße - Unterlebensgröße des Kunstwerks zum Betrachter ist in der Geschichte der Kunst stets wichtig gewesen. Neben der Untersicht ist vor allem die schiere Größe, das Monumentale, eine wirkmächtige ästhetische Kategorie, die das Erleben des Dargestellten im Zusammenhang aktiven Wahrnehmung, der Betrachtung, definiert. Allem, was größer ist als wir selbst - und da ist der Mensch in der Tat das Maß aller Dinge - fühlen wir uns unterlegen, erscheint uns von besonderer Bedeutung. Das wußte zum Beispiel auch Herman Melville, der in seinem "Moby Dick" davon spricht, daß man nie etwas Großartiges über den Floh verfassen könne, was, bei aller Bewunderung und bei allem Respekt für den Protoromantiker William Blake auch stimmt. Auch Blakes sehr beeindruckender "Ghost of a Flea" ("Geist eines Flohs") schafft das nicht. Harding Meyers aus dem ursprünglichen medialen Zusammenhang, aus der meist puren Abbildlichkeit, herausgenommene Personen werden bei ihm zu Bildnissen. Ein Bildnis hat im ursprünglichen Sinn eine benennbare Person zum Gegenstand, die es "verewigt". In frühen Porträts wurde daher sogar der Name der konterfeiten Person in das Gemälde hineingeschrieben, einschließlich der Altersangabe und oder dem Datum des Entstehens. All das fehlt bei Harding Meyers Porträts, und das mit Absicht. Frühe Porträts der europäischen Malerei bemühten sich um eine überaus detailreich genaue Wiedergabe der äußeren Erscheinung, man denke an Jan van Eyck oder Piero della Francesca. Bald versahen die Künstler die Bildnisse aber auch mit einer Fülle von Nuancierungen, unterschiedlichsten mimischen und gestischen Ausdrucksformen. Die Porträts öffneten sich dann Psychologisierungen, wurden durch dramatische Inszenierungen und historische Beigaben in Bezug auf die bescheidene hierarchische Plazierung in der akademischen Rangfolge der Gattungen (von denen die Historienmalerei die vornehmste war) nobilitiert. Gleich wie, das Bestreben aber war immer auch, eine Identität zu präsentieren, einen Namen, eine ganze Biographie womöglich, die idealerweise aus dem Bildbestand rekonstruierbar erschien. Harding Meyers Personen haben, auch wenn sie eben keine prominenten Menschen sind, eine Identität, aber eine anonyme. Ihr wirklicher Name, was sie in ihrem Leben jenseits des abgefilmten Fernsehauftritts tun und treiben, ist nicht von Belang. Wichtig ist nur das, wodurch Meyer ihre ursprüngliche oder wahre Identität ersetzt hat: der Kunstwert. Insofern sind Meyers Porträts ein neues Kapitel in der Bildniskunst. Was Meyer rekonstruiert, ist in gewisser weise paradox, eine paradoxe Rekonstruktion: Er rekonstruiert eine Biographie, die "Biographie" der medialen Gesichtsverwendung, aber das Ziel ist die Schaffung von Anonymität als Identität. Was Harding Meyer mit Andy Warhol verbindet, ist die Nutzung der "vorgegebenen" Bilder. Aber Warhol hat Stars - oder von ihm zu solchen erklärte Personen - und Prominente Zeitgenossen konterfeit, und im Ungenauen der Wiedergabe durch den Siebdruck auf den Verschleiß der Bilder und des "Image" durch die Medien verwiesen. Harding Meyer schlägt den umgekehrten Weg ein: Er holt die Menschen - jene, die im Sinne Andy Warhols "für 15 Minuten berühmt" sind - aus dem verschleißenden medialen Verwertungsprozeß heraus, "verewigt" sie. Dabei rekonstruiert er die Wirkung medialer Nutzungsprozesse. Man hat davon gesprochen, daß es bedeutsam sei, daß Harding Meyers Personen schweigen, daß ihnen, die in öffentlichen Shows ihre Würde riskieren, diese dadurch zurückgegeben würde. Durch die Konzentration auf das Gesicht (manchmal ist es nicht zutreffend, von "Köpfen" zu reden, denn die Konzentration gilt dem Antlitz, was der Ausschnitt nahe legt) entsteht eine nichtsprachliche, in diesem Sinne schweigende, stumme Kommunikationssituation - gelegentlich, bei geschlossenen Augen oder abgewandtem Blick, auch eine Verweigerung von Kommunikation. Wir treten in einen Dialog mit den Gesichtern der anonymen Personen. Und das ist insofern eine besondere Situation, als wir im Alltag sequentiell kommunizieren: Der Ablauf nicht nur der Sprache, sondern auch der Mimik und Gestik, ist ein schnell wechselndes Nacheinander von Konstellationen, von denen wir Teilsequenzen als "Ausdruck" wahrnehmen. Ausformung und Verständnis der Grundformen mimischen Ausdrucks sind weitgehend angeboren, weshalb das recht zuverlässig funktioniert. Vor den Bildern aber begegnet uns ein gleichsam "eingefrorenes" soziales Signal, und das hier noch in monumentaler Größe. Auch das ist ein rekonstruktiver Vorgang, denn ein Bild gelingt nur, wenn der Maler es schafft, den Ausdrucksinhalt durch seine gewählten Formen zu rekonstruieren. So entsteht eine schwankende, unsichere, verunsichernde Situation: Werden wir angesprochen oder bedrängt oder gar überwältigt von seelischen Zuständen des Gegenübers, teilen sich Stimmungen mit, gedankliche Haltungen, moralische Einstellungen? Oder ist es vielmehr so, daß, wie Norbert Schneider es in seinem Buch "Porträtmalerei" formuliert hat, "in einem dialektischen Umschlag die Psychologisierung zu einer Scheu vor dem Offenlegen der Gefühle und Gedanken führt"? Daß hier, wie er es sieht, sogar ein Rückzug vonstatten geht in eine rätselhafte, nur teilweise oder sogar gar nicht zugängliche Innenwelt? Die Porträtierten sind zumeist noch junge Menschen, plusminus im Alter des Künstlers, aber neuerlich auch Kinder. Auch die Kinder begegnen uns sehr oft in massivem Ernst, in erhabener Melancholie, gelegentlich Traurigkeit. Die Blicke, die Augen sind oft das Tor zum Inneren, das wir mittels unserer Wahrnehmungsmechanismen kartographieren oder auch rekonstruieren. Schauen Meyers Menschen uns an, geraten wir in einen direkten Austausch. Schauen sie an uns vorbei, verweist das auf eine andere Situation, wir sind nur Zeuge eines uns allerdings verborgenen Ablaufes. Wem wendet die Person sich zu? Was geht da vor? Welche Verschwörung, welche Banalität? Leben geschieht. Und Malerei.

Harding Meyer wird unter anderem von der Galerie Voss in Düsseldorf und der Galerie Jarmuschek und Partner in Berlin vertreten.