Süddeutsche Zeitung/ Kunstmarkt: 13./14. Februar 2010
„Hoffentlich Beton"
Elmar Haardt lebte ein Jahr lang in einem schweizerischen Dorf: Fotografien bei Jarmuschek+Partner in Berlin
Der Mann sitzt fest. Die beiden Sofas der massiven Sitzecke, auf der er strumpfsockert Platz genommen hat, fluchten auf ihn zu. Hinter ihm pflastern Geweihe, Fotos seiner alten Eltern, Alpenpanoramen und eine Schwarzweiß-Aufnahme des jungen Luis Trenker so dicht die niedrige, gelb gestrichene Wand, dass es so aussieht, als formiere sich da gerade der persönliche Zimmerschmuck zu einer Welle, die gleich auf den Mann mit Schnauzbart einstürzen wird.
Elmar Haardt, dessen großformatige Fotografien noch bis zum 20. Februar in der Berliner Galerie Jarmuschek+Partner zu sehen sind, zeigt Abgründiges: Der Blick der von ihm Portraitierten ist gespenstig leer, die Bezüge ihrer Sofas, Teppiche und Gardinen dafür umso belebter. Viele wählten ihr Wohnzimmer als Kulisse und ahnten wahrscheinlich nicht, wie viel sie damit preisgeben von ihrem Leben, ihren Wünschen und Enttäuschungen. Doch der 1974 in Essen geborene Elmar Haardt, der sich zuvor in seiner Arbeit mit dem märkischen Oderland und dem Ruhrgebiet beschäftigt hat, führt die Menschen, die alle aus der kleinen Gemeinde Gurtnellen in der Schweizer Gotthard-Region stammen, nicht vor. Indem er den Bildern der Hausbesuche Aufnahmen der Gegend gegenüberstellt, gelingt ihm vielmehr ein stilles Portrait einer ganzen Ortschaft.
Auch die Landschaftsaufnahmen sind klar aufgebaut aus dem Gebirgsmassiv, das sich im Hintergrund auftürmt, dunkelgrünen Wäldern - und der Autobahn, die die Alpenidylle zerschneidet. Wie der Mann auf der Sofaecke erscheint so die Natur eingesperrt, im Würgegriff der mehrspurigen Straße, über die jährlich mehr als sechs Millionen Fahrzeuge auf ihrem Weg durch die Schweizer Alpen brettern. Vorbei an der Ortschaft, die in einem Vakuum zwischen Bergpanorama und Trostlosigkeit festhängt.
Ein Jahr hat Haardt für die Serie (Aufnahmen zwischen 2500 und 5000 Euro) im schweizerischen Gurtnellen gelebt. Er brachte den Kindern in der Schule das Fotografieren bei, gewann das Vertrauen der Ortsbewohner und lernte ihren Alltag, ihre Rituale kennen. Das alles wird in den Aufnahmen sichtbar, ob in der Musterung des Sofabezugs oder den beiden Gartenstühlen, die in Blickrichtung zur Betonauffahrt stehen statt zu den Berggipfeln. Damit erzählt Elmar Haardt in seinen Bildern die Geschichte einer Ortschaft, die auf dem Weg der Menschen nach vorne am Rand vergessen wurde - wie so viele.
Laura Weissmüller
