Dieter Lutsch

Das fünfte Element

Der Bildhauer Dieter Lutsch erlöst die von ihm verwendeten Materialien alltäglicher Verwendung aus ihrer festgelegten, ursprünglichen Bestimmung und verwendet sie zu ganz neuem Zweck. Erfrischenderweise gibt es in seiner Welt keinerlei Einschränkungen für die Neuzuweisung von Bedeutung oder Wichtigkeit - so durchlöchert er Luftmatratzen und deklariert sie zu Zimmerbrunnen, oder pustet Weinschläuche auf um sie als Ballons in Szene zu setzen. Dann wieder kombiniert er Hunderte von handelsüblichen hölzernen Europaletten zu einer 25 Meter langen und 6 m hohen Treppe, damit für den Betrachter der Raum, den die Treppe einnimmt, erfahrbar wird. Ein immer wiederkehrender Be-standteil seines Werkes ist die Verwendung von Spülschaum, aus dem er sich selbst aufbauende Stelen erschafft. Auch für „Das fünfte Element" inszeniert er Formen aus Schaum, setzt wabernde Schauminseln auf einen Teppich und nennt eine von der Decke hängende Installation mit Spülschaum, Draht und Glühbirne „Deckenlampe". So bricht er immer wieder mit urspünglicher Gestalt und Bestimmung, um der Inszenierung in einer ganz neuen Form Raum zuzuweisen.

Lutschs Ausstellungstitel „Das fünfte Element" erinnert uns nicht rein zufällig an Luc Bessons gleichnamigen Film. Zwar nimmt Besson mit seinem Titel freche Anleihe bei Buddhismus und vorsokratischer Philosophie, wo die Idee eines nicht greifbaren und doch alles verbindenden „fünften" Elementes bezeichnet wird, Besson jedoch benennt, ganz Hollywood-tauglich, das ergänzende fünfte Element als die Liebe, die schliesslich alles miteinander verbindet und ins Gleichgewicht bringt.

Dieter Lutsch nutzt für „Das fünfte Element" die vier Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Als das fünftes Element bezeichnet der gelernte Bildhauer die Rezeption des Betrachters, die gedankliche Aufnahme in die eigenen Imaginations- und Wissenswelten eines jeden Einzelnen, denn erst durch den Gedankenkosmos der Anderen möchte Lutsch seine Arbeit vervollständigt sehen. Solange wie kein Betrachter den Skulpturen mit seinen eigenen Assoziationen eigenes Leben einhaucht, so lange sind sie eine Ansammlung von Gebrauchsgegenständen. Zum intelligenten Spiel werden sie erst nach dem Zutun der eigenen Gedanken des Betrachters.

Der 1974 in Schäßburg/Rumänien geborene deutsche Künstler lebt und arbeitet in Berlin, wo er 2008 als Meisterschüler der Klasse Karin

Sander sein Studium der Bildhauerei an der Universität Berlin-Weissensee abschloss. „Das fünfte Element" ist Lutschs zweite Einzelausstellung der Galerie Jarmuschek + Partner. Dieter Lutsch wird von der Galerie ebenfalls auf der Volta6 in Basel präsentiert.

TROCKENBAU

Entering the arena of make-believe: Dieter Lutsch beraubt Gegenstände ihrer ursprünglichen Bedeutung, weist durch Verfremdung dem Material neue Bedeutungen zu oder funktioniert es mit neuem Impuls zu anderem Zweck um. Die Stelen des gelernten Bildhauers bestehen aus waberndem Schaum, Brunnen erschafft er aus kurzerhand durchlöcherten Luftmatratzen, seine Kuben gestaltet er aus leichtem Styropor. Arbeitet er überhaupt noch mit Stein, dann in Verbindung mit Backwerk oder mit einer dem Material scheinbar widersprechenden Farbigkeit. Einem Begriff aus dem Bauwesen folgend, der raum-begrenzende Konstruktionen und Installationsweisen bezeichnet, ist „Trockenbau“ eine Auseinandersetzung mit Erwartung, Form und Neugier und kehrt gleichzeitig die ursprüngliche Bedeutung des Wortes um, indem sie zur Öffnung und zur vollen Wahrnehmung des Raumes führt. „Trockenbau“ ist eine Vollplastik aus aufeinandergestapelten Holzpaletten. Kontra jeder musealen Schwellenangst muss sie berührt und belaufen werden. Die Begehung, die Interaktion mit der Plastik führt den Betrachter selbst zum Begreifen und damit zum Entdecken des Raumes. Betritt man die Plastik wandelt sie sich augenblicklich in eine raum-offenbarende Installation. Sie fängt bereits ausserhalb des eigentlichen Zentrums, noch vor den Galerieräumen an, und dieser rote Teppich der Arte Povera lockt unwiderstehlich als Einladung, dem Pfad zu folgen und den hybriden Turm zu Babel im Inneren der Galerie zu erklimmen. Begleitet wird die Inszenierung durch einen Klangteppich dessen Quelle sich erst nach der Umgehung und dem Abschreiten der Plastik offenbart. Eine weitere Arbeit des Künstlers bildet ein Ensemble aus „Maneki Nekos“, asiatische Glücksbringer, deren gnadenlose Verkitschung im westlichen Kulturkreis als „Winkekatzen“ von Dieter Lutsch noch auf die Spitze getrieben wird, indem er sie ihrer ursprünglichen Bedeutung völlig beraubt. Missbraucht als Musikwerkzeug, aufgestellt in der dem besten Klang folgenden Form, lässt er sie manisch ineinandergestapelte Gläser anschlagen. Geboren 1974 im rumänischen Transsylvanien und aufgewachsen in Stuttgart, studiert Dieter Lutsch ab 2001 Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee und schliesst sein Studium 2006 ab, gefolgt von einem Jahr als Meisterschüler bei Karin Sander.

Jarmuschek+Partner