Dieter Lutsch

Neues neu sehen

Der Kunstverein Freunde Aktueller Kunst hat die zwölf Künstler der Berliner Stedefreund-Galerie nach Zwickau eingeladen

Stadtstreicher 11/2009, S. 47

Was hat Botticellis Aphrodite zu bestaunen in den Uffizien in Florenz, gemein mit einer Skulptur von Dieter Lutsch im Kunsthaus Zwickau? Ganz klar: Sie ist bekanntermaßen die „Schaumgeborene" und aus einem ganz traditionellen grauen Sockel erwächst in Zwickau ebenfalls eine Figur aus Schaum. Doch diesmal wird der Schaum mithilfe eines kleinen Motors im spülmittelgetränkten Wasser produziert. Der Betrachter wird, vom Künstler fest eingeplant, zum „Befasser", um mit den Händen ein Objekt zu formen, ganz wonach ihm der eigene kreative Sinn steht.

Und überhaupt: Die Materialien in der Gegenwartskunst - ob man es gut findet, toleriert oder ablehnt - es gilt anything goes. In den drei Räumen des Kunstvereins findet sich so ziemlich jedes Medium vom hochartifiziellen Doku-Video bis zur Papierklebung. Im größten der Räume baut Julia Staschek eine ganz eigene Raumkonstruktion mit neuen, schiefen Wänden ein. An diese apliziert sie ihre objekthaften malerischen Arbeiten, kombiniert sie jedoch mit kleinen Alltagsgegenständen und Fundstücken wie Schallplatten, Uhren, bemalten Verpackungsdeckeln sowie Arbeiten der anderen an dieser Ausstellung beteiligten Künstler. Inmitten dieses Raums behauptet sich sehr spielerisch ein fragiles Gebilde aus Stäben und Gipskörpern von Alexandra Schumacher.

Insgesamt sind in der Ausstellung zwölf Berliner Künstler beteiligt, die ihr Interesse, sich international zu vernetzen, mit dem Galerie-Projekt Stedefreund (Charlottenstraße in Berlin) intensiv und initiativ vorantreiben. Gleiches gilt umgekehrt, doch ohne Hauptstadtbonus, auch für die Freunde Aktueller Kunst.

K.Fischer

 

Halbe Treppe

Tagesspiegel, 25.09.2009

Die 5. Preview Berlin erweist sich als Messe, bei der Qualität zählt. Die attraktive Mischung aus Lockstoff und anti-marktschreierischer Zurückhaltung macht sie zum Knotenpunkt des Messeherbstes. Tagesspiegel vom 25.09.2009 Nur Fliegen ist schöner: Frederik Foert nutzt die Kofferschleife des ehemaligen Flughafens Tempelhof als Antrieb für seine Installation „Boomerang“ (Galerie MyVisit). Ein Fahrradrad überträgt die Fließbandbewegung auf einen simplifizierten Albatros. Dessen Bretterflügel schlagen auf der Stelle. Das klingt nicht nach künstlerischem Höhenflug, aber es ist einer. Überhaupt erweist sich die 5. Preview Berlin als Messe, bei der Qualität zählt. „Wir wollen weg von der Verkäuflichkeit als Kriterium für Inhalte“, postuliert Preview-Organisator Kristian Jarmuschek, während er auf Dieter Lutschs „Halber Treppe“ sitzt, einer wuchtigen Quasi-Gangway aus Transportpaletten (Jarmuschek+Partner, 42.000 Euro). Präsenz und Diskurs In der auratischen Haupthalle fehlen die Galeriekojen. Vorwiegend installative und skulpturale Werke sind im Raum verteilt, die Galeristen bleiben auf Distanz an den alten Flugschaltern. Von den 47 Ausstellern aus 13 Ländern rechnet keiner mit exorbitanten Verkäufen, sie setzen auf Präsenz und Diskurs. Spricht man mit der Malerin Andrea Lehmann, vertreten von der Düsseldorfer Galeristin Anna Klinkhammer, kommt man aus dem Diskurs kaum heraus. Ihre begehbare Malerei-Installation „Greeneland“ ist ein überquellendes Gruselkabinett um die Abgründe von Wissenschaft und Identität (zusammen 280 000 Euro). Als Tandem haben Vanessa Henn und Barbara Wille eine luftige Konstruktion aus Raum- und Bildelementen gefertigt (Galerie Visite ma tente). In deren Zentrum stehen die Künstlerinnen auf Großfotos kopf. Die Blusen sind über die Köpfe gerutscht, die Bauchnabel freigelegt. „Wir zeigen und verbergen uns zugleich“, kommentiert Wille. Die attraktive Mischung aus Lockstoff und anti- marktschreierischer Zurückhaltung macht die Preview zum Knotenpunkt des Messeherbstes.

von Jens Hinrichsen

 

Hohe Kreativ-Konzentration

Mehrere Messen machen Berlin dieses Wochenende zur Weltmetropole zeitgenössischer Kunst Neues Deutschland, 25.09.09 Hohe Kreativ-Konzentration Mehrere Messen machen Berlin dieses Wochenende zur Weltmetropole zeitgenössischer Kunst

Neues Deutschland, 25.09.09

(...)

Einen konsequenten Schritt weiter als das Artforum geht die »Preview Berlin«. Diese Messe für neue Kunst verzichtet ganz auf die Parzellenstruktur. In der Haupthalle des Flughafen Tempelhof sind Großskulpturen zu einem offenen Parcours geordnet. Blickfänger sind die gestapelten Europaletten von Dieter Lutsch (Galerie Jarmuschek und Partner). Eine subtile Intervention mit einem übrig gebliebenen Laufband für Gepäck gelingt Frederik Foert (Projektraum Myvisit): Ein auf das laufende Gepäckband montiertes Einrad gibt einem Mobile in Vogelform den nötigen Energieimpuls. Die Galeristen halten sich dabei in der Nähe der Arbeiten ihrer Künstler auf. Hier wird die Qualität der Arbeiten zum Kommunikationsanlass, und nicht die – ein wenig zu versteckt – angebrachten Namen von Galerien und Künstlern. Während die Galeristen beim Artforum vor allem darauf aus sein müssen, die in der Koje platzierte Ware auch ja zu verkaufen, ist die Preview von einer offenen Marktatmosphäre geprägt. Die Veranstalter dieser Messe machen aus der gegenwärtigen Krise eine Tugend. Statt auf unmittelbaren Verkauf zu setzen, kann man erst einmal miteinander ins Gespräch kommen. Ein schöner Ansatz.

von Tom Mustroph


Tempelhof? Wir fliegen weiter Satellitenmesse (1):

die Preview Berlin

Tagesspiegel, 01.11.2008

Pling, pling, pling: Auf die Idee, ein halbes Dutzend japanischer Winkekatzen auf Trinkgläsern herumklopfen zu lassen, musste man erst mal kommen. Wenn man so will, läuten Dieter Lutschs goldfarbene Plastikglücksbringer in der Koje von Jarmuschek und Partner die Preview Berlin ein (1500 bis 5000 Euro). (...)

von Jens Hinrichsen

 

Passt, wackelt nicht

Thea Herold liest legendäre Sätze

Tagesspiegel, 2.8.2008

Ein Raum voll mit leeren Paletten. Achthundert Duisburger Schwerlastpaletten, sauber gestapelt in Doppelreihen. Sie dürfen, sie müssen nicht en detail besichtigt, sondern vielmehr en masse beschritten werden. „Trockenbau“ heißt die Ausstellung bei Jarmuschek+Partner in der Halle am Wasser (bis 23. August, Invalidenstraße 50/51). Fernöstlich gesehen ist da ein Moment erfüllter Leere zu erleben, wo nicht das Sichtbare den Wert ausmacht. Das Nicht-Sichtbare, die Art der Kombination und die Intension der Sache, das hält’s zusammen. Sommerlich träge oder schlicht physikalisch könnte man es auch Schwerkraft nennen. Nun hat sich Dieter Lutsch (Jahrgang 1974) nicht nur einer Vokabel vom Bau bedient, er baute wirklich selbst: eine Treppe. Gegenläufig angelegt, beginnt sie schon auf dem Vorplatz der Galerie. Stufe für Stufe niedersinkend kommt sie der Schwelle nahe, um sich dann ebenso langsam im Innern der Galerie, mit flachen Stufen das barocke Schrittmaß wahrend, nach einer noblen Kehre sacht zu erheben. An der höchsten Stelle des Trockenbaus liegen vierundzwanzig Stück Paletten aufeinander, aber es hält, passt und wackelt eben nicht. Wenn das Wort der Vollplastik heute auch ein bisschen angestaubt klingt, hier macht es Sinn. Kristian Jarmuschek fand Dieter Lutsch als talentierten Meisterschüler von Karin Sander bei der Diplomausstellung an der Kunsthochschule Weißensee. Das ist zwei Sommer her. Wohin es den Bildhauer in den nächsten zwei Jahren auch immer verschlagen wird, eine ganz eigene bildhauerische Intelligenz und besondere Intuition fürs Material hat er schon jetzt. Und, was ja nie selbstverständlich ist, eine Menge Humor. Denn sein „Klangteppich“, mit dem er seine Treppeninstallation akustisch überzieht, erinnert zwar an grasende Alpenkühe mit Glocken. Doch wenn man den Ursprung dieser unsichtbaren Nerverei sucht, ja sie schlussendlich hinter einer Gipswand findet, entdeckt man .... Sie werden staunen! (Klanginstallation 5000 €, „Trockenbau“ Preis auf Anfrage.

von Thea Herold

 

Der süße Klang des Konsums

Die Tageszeitung (taz) , 25. Juni 2008

Unzählige Euro-Paletten hat Dieter Lutsch zu einer enormen Anhöhe gestapelt, die mit ihrem treppenartigen Anstieg zum Besteigen einlädt. Ein Berg, den es auch tatsächlich zu erklimmen gilt. Denn hat man den Gipfel erreicht, ist ein zartes Klingeln zu vernehmen, als würde in der Ferne Vieh auf eine Alm getrieben. Doch geht es Lutsch nicht um einen romantischen Blick in die Berge. So entdeckt man hinter dem Import-Export-Berg eine Gruppe von chinesischen Winkekatzen. Rhythmisch schlagen sie auf ineinander verkeilte Gläser und mahnen mit lieblichem Klang vor dem manischen Treiben auf den globalen Märkten.
Bis 26. Juli, Di.-Sa. 12-18 Uhr, Invalidenstr. 50/51