Daniela Ehemann

Daniela Ehemann - Raumzeichnungen

Die Arbeiten von Daniela Ehemann sind vor dem Hintergrund jener Entwicklungen zu denken, die sich im Medium Zeichnung seit den 1960er Jahren vollzogen haben. Das grundlegende Moment der Zeichnung, die Linie, löste sich sukzessive vom Blatt als ihrem materiellen Träger. Statt Räume zu illusionieren greift die Linie seither immer wieder in den Realraum ein. In ihrer materiellen Präsenz markiert sie den Raum als physisches Element. Die Zeichnung gerät so in die Nähe von Installation und Raumplastik. Eben dieses Ausloten des medialen Feldes Zeichnung – Installation – Raumplastik ist für die künstlerische Konzeption Daniela Ehemanns zentral. In ihren Arbeiten verbinden sich reduzierte Zeichnungen auf der Wand mit vorgefundenen alltäglichen Gegenständen. Die Linie wird über das Objet trouvé fortgeführt, wächst in den Raum, umspannt Disparates und generiert als räumlicher Kontur aus Stahl ihrerseits Gegenständliches. Gegenständlichkeit ist in Daniela Ehemanns Arbeiten allerdings nur partiell gegeben. Konturen brechen ab oder sind derart reduziert, dass die gegen¬ständliche Dechiffrierbarkeit offen bzw. mehrdeutig bleibt. Kalkuliert eingesetzte Lichtquellen inszenieren und lassen Schatten entstehen; Spiegel reproduzieren sowohl die Arbeit selbst als auch den umgebenden Raum. Dabei werden die Rezipienten über Spiegelungen bzw. Schattenbildungen einbezogen und temporär zum integralen Bestandteil der Arbeiten. Gleichzeitig grenzt Daniela Ehemann den Raum ab. Farblich und materiell markierte Bodenflächen signalisieren, welche Bereiche betreten werden dürfen, welche nicht. Die Arbeiten sind von unterschiedlichen Positionen aus ansichtig, letztlich aber nicht, wie bei Installationen üblich, frei begehbar. Hierin erweist sich die Nähe zur Plastik. Raumerfahrung gilt Daniela Ehemann als Paradigma subjektiver Wahrnehmung. Dabei fokussiert sich ihr Interesse auf Handlungsweisen, die im Kontext konventioneller Verhaltensmuster als grenzüberschreitend gelten. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten kann beispielsweise die obsessive Eingrenzung sein, wie sie bei Menschen mit Zwangs¬handlungen wie Kontroll- oder Waschzwängen auftritt. Dieser Enge und Begrenzung spürt sie in ihren installativen Raumzeichnungen nach, wenn sie, wie in der Reihe „Bad Habits“, auf engem Raum Elemente einer Duschkabine verwendet. In ihren Raumzeichnungen „Missing/Link“ greift Daniela Ehemann auf Räume vermisster Personen zurück, zu denen sie sich über polizeiliche Genehmigungen Zugang verschafft hat. Die Künstlerin begibt sich hier auf Spurensuche: Sie zeichnet, fotografiert, dokumentiert. Einige ihrer Skizzen finden unmittelbar Eingang in die hieraus entstehenden Arbeiten, weite Teile der „Missing/Link“- Serie sind jedoch ein zeichnerisch-skulpturales Fortdenken des Erfahrenen. Begleitet von den Lebensdaten der Vermissten, einem Foto und dem Zeitpunkt ihres Verschwindens lässt die Serie ein dokumentarisches Interesse anklingen. Daniela Ehemanns Spurensuche ist allerdings nur vermeintlich dokumentarisch. Die Wohnungen der Vermissten dienen ihr als Ausgangspunkt einer künstlerischen Recherche, keineswegs ist die Frage nach dem konkreten Schicksal der Personen selbst das Ziel. Es geht hier vielmehr um die Frage, ob es im Medium der Zeichnung und durch das Aufgreifen banaler Alltagsgegenstände möglich ist, sich fremden Räumen anzunähern. Wenn dann die Zeichnung wächst, sich in den Raum entwickelt, über verschiedene Positionen der Rezeption unterschiedliche Ansichten möglich werden, und wenn wir uns als Rezipienten in Spiegelungen und Schatten wieder finden, so wird klar: Die Raumzeichnungen Daniela Ehemanns kreisen um die Frage nach Identität.

Claudia Beelitz

Dezember 2008