Fehler lernen nicht
Das Personal aus dem toten Winkel
Bernhard Balkenhol (2010)
Wer als Wolf Schulkreide frisst, erntet eine verführerische Stimme, die alles Fragen nach dem Anderen in staunenden Gehorsam verwandelt, die es sogar möglich macht, das eigene Geschlecht zu wandeln. Anders als im Märchen erzählt, hat Rotkäppchen damals wohl mitgespielt. D.h. die Sache ist anders verlaufen: Beide haben mit Steinen nach ihren Verfolgern geworfen, die sich schließlich in den von Prinzipien ausgetrockneten Brunnen flüchteten. Die beiden haben sich selbst überstiegen, und Jahre später zeigt Rotkäppchens Tochter selbstbewusst die Wolfsohren. Sie lässt sich für ihr Begehren oder ihre Schönheit nicht mehr steinigen.
Prinzipien sind Regeln, die sich verselbständigt haben, die sich und alles um sie herum binden, aus Prinzip. Und weil sie immer gelten wollen, haben sie Reiter engagiert, einen jungen und einen etablierten Philosophen , die nicht merken, wie sie selbst zum Pferd werden. Prinzipien aber atmen ihren Verstoß gleich mit aus und ein. Ihr Geltungsbewusstsein gleicht einer Krankenschwester , die ihr unberechenbar weibliches Prinzip nutzt, die aktive Angst in diffuse Geduld zu verwandeln.
Aber wo ist Gott? Der, der alles in der Hand hat, der ins All projizierte Fluchtpunkt des Betrachters, die Instanz hinter dem Auge? Es gibt ihn nur als Le( )rstelle, sicher nur als den Hausmeister Gottes , der von allem unbeeindruckt - wenn auch nur auf Vorgartenniveau - Ordnung hält. Sein verhasster Kumpane ist der Freund der Schwerkraft , der alles nageln muss, Spießbürger und Versicherungsagent, der einzige mit Überblick, weil er sich nicht vorstellen kann, dass die Kulisse auch ein Dahinter hat. Wie soll es auch möglich sein, sich in die eigene Wahrnehmung zu stellen, d.h. wahrzunehmen und gleichzeitig zu bemerken, wie man wahrnimmt oder gar in der Wahrnehmung wahrgenommen wird?
Der Junge und das Mädchen , der eine ein offenes männliches Prinzip, die andere ein offenes weibliches, beide noch androgyn, mögen diesen Wechsel der Perspektiven noch ahnen, bevor sie zu El Toro und Bella Donna werden. Als solche sind sie bereits auf Drogen gesetzt, Medien der Medien - es sei denn, ihr nach außen ausgeprägtes und verführerisches Prinzip ist Modell, eine selbstbewusste Setzung und Ent-Scheidung, die nicht ihnen sondern nur den anderen weh tut. Als solche wären sie Kunstfiguren - die nicht existierten, es sei denn als in der eigenen und der Bewunderung der Anderen Angewendete. Müssen die beiden noch Masken tragen, vermag Beauty Queen bereits durch den Spiegel zu gehen. Als schönste Frau ist sie ein Mann.
Und wo ist der Künstler? Er ist immer noch Avantgardist , allerdings einer der Methoden von Kunst - auch eine Form der Anwendung. Dekonstruktion als Tätigkeit fällt ihm noch schwer, denn die materialisierte Form verführt nun mal zum Objekt und sabotiert somit die Unterwerfung, das Subjekt. Dass man mit Filzmantel und Spazierstock all die Kojoten zu besseren Menschen machen könnte, ist ein religiöses Verständnis von Kunst, das auch das Orakel zum Schweigen bringt. Da bildet sich nichts. Ein solcher Kojote verkäme zum treuen Hund , dem der aufgesetzte Trichter das Fressen und Beißen verunmöglicht.
Der einzige Gewinner in dieser Welt aus Selbstverständlichkeiten von Fehlern, ist wohl der Globalist . Als rumpfloser Kopf, liegt er überall herum, ist Spielball und Wurfgeschoss, Fernsehattrappe, Luftblase, die lächelnd in den Himmel steigt, das Seil von Kontrollmäusen gehalten.
(Das hier aufgeführte Personal von Carsten Weitzmann (insgesamt 20 Figuren) ist eine Bilder-Bevölkerung - nicht als Ergebnis einer systematischen Analyse oder eines Gesellschaftsentwurfes, sondern einer kritisch empathischen Beobachtung. Sie sind gleichsam im Koordinatensystem verschobene Typen, die deswegen abseitig sind - ohne es zu merken. Trotzdem bilden sie als stellvertretende Prinzipien ein kommunizierendes System von Verhalten und Verhältnissen, das scheinbar keine Ethik sonder nur Realitäten kennt. Weitzmann ist damit ein undogmatischer Bilder-Erzähler, der sich den moralischen Zeigefinger abgebrochen hat. Weder wehrt er sich gegen diese Verhältnisse, noch greift er ein. Eher steht er verlaufen - aber mit beiden Beinen - im dichten Wald der Zustände und hält seinen feuchten Mittelfinger in die Luft, um zu spüren, woher der Wind weht.)
Die Tochter des Rotkäppchens oder was noch weiter war und wird
Bernhard Balkenhol (2009)
Auch wenn im Märchen der Brüder Grimm der Wolf mit den Wackersteinen im Bauch versenkt wurde, nach dem Rotkäppchen befreit war, scheint die Geschichte nicht zu Ende gewesen zu sein - jedenfalls nicht für Carsten Weitzmann. Denn in seinem umfangreichen aktuellen Bilderzyklus gibt es „Rotkäppchens Tochter", die schwarze Wolfsohren über dem Haar trägt. Ist das ein Bekenntnis der selbstbewussten jungen Frau zur eigenen Herkunft oder ihr Programm?
Beides scheint zu stimmen, denn demonstrativ lässt sie im Männerklo die Hosen runter und stellt sich ans Pissoir („Stellungnahme", 2008) oder sitzt als „Herrenreiterin" (2008) auf dem Rücken des „jungen Philosophen", der mit dem „etablierten Philosophen", beide nackt, ein Pferd bildet.
Damit sind schon drei Figuren genannt, von insgesamt zwanzig. Carsten Weitzmann nennt sie sein „Personal". Es sind seine Stellvertreterfiguren für eine Gesellschaft, wie sie Kunst, Kulturgeschichte und Medien generiert haben. Sie beschreiben die herrschenden ideologischen Systeme bild-wörtlich und schreiben sie fort. Aus der Erfahrung mit der „bananenlosen Republik", so der Titel eines Bilderfrieses über seine Kindheit in der DDR, und dem System des Kapitalismus heute hat er sie entwickelt, jetzt führen sie ihn über seine Leinwände.
Das ist wörtlich gemeint, denn Carsten Weitzmanns Bilder-Bevölkerung ist nicht das Ergebnis einer systematischen Analyse oder eines Gesellschaftsentwurfes, sondern einer kritisch empathischen Beobachtung von Verhältnissen und Situationen an exemplarischen Einzelpersonen. So besonders diese auch sind, er nennt sie ein „Prinzip". „Der Junge" z.B. ist für ihn „offenes männliches, noch androgynes Prinzip", „Die Krankenschwester" „unberechenbares, weibliches Prinzip" und „Der Hausmeister Gottes" „göttliches, reinigendes Prinzip". All diese Prinzipien bilden ein kommunizierendes System von Verhalten und Verhältnissen, das scheinbar keine Ethik, sondern nur Realitäten kennt. Carsten Weitzmann ist damit ein Bilder-Erzähler ohne dogmatische Absichten oder moralischen Zeigefinger, eher steht er verlaufen - aber mit beiden Beinen - im dichten Wald der Zustände und hält seinen feuchten Zeigefinger in die Luft, um zu spüren, woher der Wind weht.
„Ich könnte alle diese Figuren sein, weibliche wie männliche" sagt er, „außer der Globalist". Das ist ein Allerweltskopf ohne Rumpf - weil er vom Fernsehen in Großaufnahme erfunden wurde, der überall - im Weg - herumliegt oder mal als Luftballon („Reise", 2009) davon fliegt, an seinem Seil eine der „Kontrollmäuse", diesen Kindern von Micky Maus, deren Kopf nur aus einem Auge besteht. Er kann sie alle verstehen und ist doch Außenstehender, was ihm eine schmunzelnd böse Distanz gibt, sie in Szene zu setzen. Aber er wehrt sich eben nicht gegen diese Verhältnisse, greift nicht ein, selbst wenn beispielsweise zwei dieser Kontrollmäuse auf der Schaukel aus ihren Verpackungskartons heraus sich mit dem Baseballschläger die Augenköpfe einschlagen wollen und drohen ihr Gleichgewicht dabei zu verlieren („Autoritätsversuch", 2009).
So banal, manchmal fast wie ein Bilderwitz, die Szenen sind, so doppelbödig sind sie. Was soll man dazu sagen, wenn „Die Krankenschwester" „El Toro", den maskierten starken Mann mit dem phallischen Kaktus unterm Arm („El Toro hat Erfolg bei den Frauen", 2008), von hinten nimmt („Demonstration", 2008) oder wenn „der Freund der Schwerkraft" die Zunge des jungen Philosophen einfach festnagelt („Der Freund der Schwerkraft war hier", 2008)? Doppelbödig irritiert ist auch dessen etablierter Kollege, der mit der Taschenlampe durchs Dunkel („Die Entdeckung, 2008") geht, vor sich einen Lichtkegel, der an seinem Ende einen Kreis bildet, in dem drei schwarze Punkte die Blindheit markieren. Oder ist das eine Parodie auf das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch? Denn dieses (ins Schwarzweiß übertragene) Blindenzeichen hält auch „Der Avantgardist" als Leinwand vor seinen Kopf und „... gibt sich minimalistisch" (2008).
Den Bezug auf (berühmte) Bilder der Kunstgeschichte findet man öfter. „El Toro" z.B. „...will anders sein" (2008) und posiert in den Kleidern von Tizians „Dame in Weiß", und der Avantgardist grüßt, wie Courbet in seinem Selbstbildnis, die Kunstfreunde, in der Hand nicht den Hut, sondern besagtes Drei-Punkte-Bild („Guten Tag, Herr Avantgardist", 2009). Und wenn auch Joseph Beuys seinen Filzmantel und Spazierstock nach getaner Arbeit an den Nagel hängt („Feierabend", 2008), ist das kein Nachbild, sondern dann ist die Kunst tatsächlich im Alltag und beim Volk angekommen. Dann sind all diese Situationen und ihre Personen gleichberechtigte Ikonen eines kollektivierten Gedächtnisses - als Fortsetzungsserie. Und der Wolf - das hat das Märchen nicht erzählt, ist zwar in den Brunnen gefallen aber durchgetaucht bis auf die andere Seite der Erde - während das Rotkäppchen ihre Schwangerschaft ausgetragen hat.
