Carina Linge

Pressemitteilung

Carina Linge „Einsamer Eros“ 

Mit der Bildsprache ihrer Serie „Einsamer Eros“ bezieht sich Carina Linge auf Motive der Renaissance- und Barockmalerei bis hin zum 19. Jahrhundert. Wir glauben, ihre Bilder zu kennen, doch ist da immer etwas verstörend Anderes, ein bedrohliches Detail, eine unerklärliche Geste oder ein Gegenstand, der uns in die Gegenwart zurückholt.

Carina Linge nutzt unser Wissen über Allegorien und Symbolik als probates Mittel, um „Tiefergehendes“ über die portraitierten Personen erzählen zu können. In einem einfachen Portrait kann sie nicht einfangen, was sie in langen Gesprächen mit ihren Modellen erfahren hat. Bevorzugt arbeitet sie mit Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld, deren unbedingtes Vertrauen sie gewonnen hat. Sie fotografiert Singles und Paare vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Frage nach der Beziehungsfähigkeit des modernen Menschen: inwiefern ist dieser bei aller Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung noch in der Lage, sich auf einen Partner und wirkliche Nähe einzulassen?

Vor dem tätlichen Einsatz der Kamera, gehen oft Monate ins Land. Linge nähert sich ihren Modellen auf ganz unterschiedliche Weise, beäugt die zu Portraitierenden und bezieht deren Umfeld und Wohnung durch Spuren- und Indiziensuche mit ein. Letztendlich entstehen fotografische Psychogramme. Zum einen in Form von inszenierten Portraits, zum anderen durch Stillleben mit versteckten Anspielungen auf die Lebensumstände ihrer Modelle, für die sie gesammelte Fundstücke aus deren Wohnung arrangiert.

Carina Linge bespricht und entwickelt jedes Motiv mit den Portraitierten, bevor sie es inszeniert. Nicht jeder verträgt sofort diesen unmittelbaren Blick auf sich, wenn die Künstlerin mit ihrer Sensibilität genau das einfängt, was nur latent zu spüren ist und in nur wenigen Augenblicken zum Vorschein kommt. Ihr Gefühl täuscht sie in den seltensten Fällen. Vordergründig um den schützenden Mantel der Anonymität über die Dargestellten zu legen, komponiert sie ihre Bilder so, dass die Dargestellten zwar sichtbar sind, aber ohne das man sie erkennen kann oder sie vorgeführt werden. Dafür schneidet sie deren Gesichter unterhalb der Augen an. Beeindruckend ist die Fähigkeit Carina Linges, private Einblicke in das Leben dieser Menschen zu geben, ohne sie bloßzustellen. Sie nutzt ihren Bezug zur Kunstgeschichte als Stilmittel, weil ihr diese Bildsprache und Symbolik unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Gerade wenn sie vermeintlich historische Posen und Atmosphären zeigt, macht sie die Portraitierten im Hier und Jetzt sichtbar.

Mancher mag sich provoziert fühlen, doch Carina Linge versucht mehr über eine Person zu erzählen, als das blitzschnelle Medium Portraitfotografie seinem Wesen nach hergibt.

Mira Mahn

"Einsamer Eros"

Carina Linge nähert sich in den Arbeiten „Single 1" und „Single 2" ihrer Werkgruppe „Einsamer Eros" einem traditionellen Thema auf neue und emotional eindringliche Weise: Es geht um das menschliche Porträt. Vor dem Hintergrund unseres kulturell und massenmedial beförderten Anspruches auf individuell erfüllte, romantische Liebe geht es um den subjektiven Ausdruck von Verletzlichkeit und Verlust - also um die Kehrseiten unseres Anspruchdenkens auf sexuelle Erfüllung und Zweisamkeit, das mit den (ebenso berechtigten) Ansprüchen auf autonomes Handeln und selbstbestimmte Existenz kollidiert. Mit Mitteln wie inszenierter Fotografie, knappen Texten und objekthaften Zitaten werden zwei weibliche Charaktere vorgeführt, die in Punkto Komplexität, visueller Anspielungsreichtum und emotionale Ansprache weit über das üblicherweise im Porträt-Bild Geleistete hinaus reicht.
Dabei ist es eigentlich unerheblich, ob die solcherart evozierten Personen wirklich existieren oder nicht. Die verschiedenen Bilder lassen sie als Modell erstehen, das für individuelle Selbstbehauptung ebenso steht wie für die unerfüllte Sehnsucht nach Nähe und Liebe. Doch anders als mögliche soziologische Deutungen des Themas „Single in der modernen Gesellschaft" berühren uns die Bilder von Carina Linge emotional und treffen uns auch dort, wo wir es nicht unbedingt erwarten. Dabei muss man Leonardos „Porträt einer Dame mit Hermelin" oder die holländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts mit ihrer Vanitas-Thematik, wie sie uns von Willem Claesz Heda und anderen Meistern überliefert sind, nicht unbedingt kennen, um die entsprechenden Motive bei Carina Linge erleben und deuten zu können: Verletzlichkeit und Kälte, Sinnlichkeit und Tod.

"Amor und Psyche"

Die Werkgruppe „Amor et Psyche" bewegt sich auf den Spuren der Philosophie und der Literatur, der klassischen Mythendeutung (Apuleus und Ovid), und nähert sich mittels verschiedener assoziativer Bilder dem Thema des Todes (und in der Gestalt des Falters symbolisierten Frage nach der Wiedergeburt). Die Gruppe kulminiert in einer großen Wandarbeit „et in arcadia ego", die das mythische Bewusstsein (und damit einen Teil unseres kulturellen Selbstverständnisses) hart mit schriftlichen Auszügen aus der Krankenakte eines Verstorbenen konfrontiert.
Carina Linge verfolgt als Künstlerin konzeptuelle Strategien und arbeitet mit verschiedenen bildnerischen Ausdrucksformen, um scheinbar gesicherte Werte unseren kulturellen Habitus' auf den Prüfstand zu stellen. Sie geht dabei durchaus analytisch vor, versteht jedoch, ihre Auseinandersetzungen mit diesen Themen in visuell einprägsamen und emotional packenden Formen vorzutragen.


Prof. Dr. Kai Uwe Schierz
Direktor der Kunsthalle Erfurt
2009